Verfasst von: dietauschlade | 25 März 2015

nebenbei berlin [146] oder: licht im fenster

stern im fenster

(…) Diese Auffassung konnte leicht aufkommen, als das Wort »Profit« aufhörte, »Gewinn für die Seele« zu bedeuten (wie in der Bibel und auch noch bei Spinoza), und statt dessen materiellen, finanziellen Gewinn bezeichnete. Dies geschah in jener Epoche, als das Bürgertum nicht nur seine politischen Fesseln abwarf, sondern auch alle Bande der Liebe und Solidarität, und zu glauben begann, wer nur für sich selbst sei, sei mehr er selbst, nicht weniger. (Erich Fromm: Haben oder Sein)

(…) das Individuum wird sich seine Identität nur bewahren können, wenn die Möglichkeiten zur Pflege kontinuierlicher mitmenschlicher Beziehungen verstärkt werden. Das fordert unsere Natur. In der urbanen Realität, die wir schaffen, wird genau diesem Bedürfnis nicht Rechnung getragen. Die Verarmung an dauerhaften Beziehungen bei einer sehr großen Zahl von Stadtbewohnern hat notwendigerweise eine Verflachung und Verarmung ihrer Fähigkeiten zur Anteilnahme überhaupt und damit eine Verarmung an »Lebenserfahrung« zur Folge. (Alexander Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden)

Da waren freundliche Gesichter, und es war gut, ein Lächeln zu seh‘n! | Wie Freunde, wie Komplizen waren wir. | Ich hatte meinen Weg gefunden, sie gaben mir Mut, ihn zu geh‘n (…). (Reinhard Mey: Freundliche Gesichter)

Am Abend stelle ich eine große Kerze auf die Fensterbank. Warum tust du das? hatte vor vielen Jahren meine kleine Tochter gefragt, und ich hatte geantwortet: Vielleichft sucht ein armer Mensch nach einem Licht in der Heiligen Nacht. (Erika Scheffe)

167183€. von herzen dank. für eure anteilnahme, eure solidarität, eure freundlichen gesichter in der manchmal so unwirtlichen stadt und eure lichter im fenster für eine beladene reisende!

Verfasst von: dietauschlade | 23 März 2015

Marias Reise

vor ein paar tagen traf ich maria auf der straße. sie erzählte, dass sie keinen neuen platz gefunden habe. ab und zu stellt sie sich noch vor ‘ihren’ supermarkt. im schatten, dicht an die hauswand gedrängt. und mit klopfendem herzen. ende dieser woche möchte sie einen bus nach rumänien nehmen. ihr sohn wird operiert und sie möchte bei ihm sein. doch die fahrt mit dem bus ist teuer.

versteigerung_2

ich möchte maria gerne unterstützen und versteigere ein paar fabrikate (beschreibungen siehe unten) von mir. falls sie interesse haben, melden sie sich doch entweder per kommentar oder per mail (dieTauschlade[ät]gmx[punkt]de) bis morgen (dienstag) um mitternacht bei mir. der oder die höchstbietende erhält bis mitte april das ersteigerte. porto übernehme ich. ♥lichen dank

versteigerung_1

(1) stadt zum stempeln. verschiedene häuser, die in endlosreihen aneinandergestempelt werden können [mindestgebot: 10€].
(2) 1o briefumschläge. mit motiven ihrer wahl. was darf es sein: landkarten, die provence, hiddensee oder… [mindestgebot: 7€].
(3) 1o postkarten. mit photoreihen aus der tauschlade. sie dürfen entscheiden: dänemark, uckermarck, …, oder nach farben sortiert [mindestgebot: 7€].
(4) holunderblütengelee. sommervorfreude im glas [mindestgebot 7€].
(5) briefumschlagsnotizbüchlein. im miniformat (~3x4cm) [mindestgebot 3€] oder etwas größer (~1ox6cm) [mindestgebot 6€].
(6) wunderKästchen. eine landschaft (fragen sie doch nach ihrer wunschlandschaft oder -stadt!) mit 3d effekt in blechschachtel [mindestgebot 15€].
(7) wortSchätze. alle zitate zu einem thema ihrer wahl, die sich in meinen notizheften finden lassen. per mail [mindestgebot 1€/zitat]. per post [mindestgebot 1,5o€/zitat]. handgeschrieben per post [mindestgebot 3€/zitat].
(8) adventskalender in der streichholzschachtel. dieser wird ihnen dann ende november zugesandt [mindestgebot 24€].

Verfasst von: dietauschlade | 20 März 2015

nebenbei berlin [145]

YachtClubAll work has something wrong with it.
I’m drawn to the idea that there are other worlds under something.
(Ricardo Bofill in: apartamento #11)

Verfasst von: dietauschlade | 16 März 2015

Cartes Postales.

cartesPostales_naturfarbenes

Erinnern sich die Lehrer daran, dass sie auch einmal Kinder waren? Wie können sie uns über uns selbst belehren, wenn sie nicht mehr wissen, dass sie auch einmal so waren wie wir? (John Irving: Owen Meany)

cartesPostales_himmelBlau

meine erste klassenfahrt. mit der gesamten schule (etwa 2o kindern) geht es nach rhumsiki. abends sitzen wir gemeinsam auf einem felsen und beobachten den sonnenuntergang. unsere französische lehrerin, sophie, lässt eine kleine tüte mit getrockneten aprikosen herumgehen, die sie aus frankreich geschickt bekam. jedes kind darf sich eine getrocknete frucht herausnehmen. der geschmack bleibt mir jahrelang in erinnerung. ebenso wie die tatsache, dass diese lehrerin ihren schatz mit uns teilte.

cartesPostales_variationen

viele jahre später bin ich nun die französischlehrerin. in verschiedenen klassen erzähle ich von meinem blog. von den tollen menschen, die ich über das internet kennenlernte. und von dem schatz der mir vor kurzem – einfach so – zugesandt wurde. die kinder sind fasziniert ob dieser großzügigen und altehrwürdigen überraschung. einen großen stapel mit postkarten aus frankreich, habe ich im gepäck. jedes kind darf sich eine der karten aussuchen. manche finden auf den ersten blick ein motiv, das sie anspricht. andere betrachten behutsam karte für karte bevor sie sich für eine entscheiden. und alle sitzen konzentriert an ihren phantasievollen kunstwerken rund um die eigene carte postale. liebe gitta, du hast nicht nur mir, sondern auch vielen berliner kindern (die mit diesen photos ausdrücklich grüße ausrichten lassen!) eine unglaubliche freude gemacht. merci beaucoup. ♥

Verfasst von: dietauschlade | 11 März 2015

nebenbei berlin [144]

königmitSchal
der könig beim friseur und nachbar des hirtenjungen trug heute sogar einen schal (aus absperrband).
und passenden fußschmuck.

Verfasst von: dietauschlade | 8 März 2015

Weltfrauentag oder: Kein Platz für Maria.

Da machte sich auch auf Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. (Lukas 2, 1-7)

maria. erst gestern habe ich sie gesehen.
sie saß in der sonne auf einem kleinen mäuerchen. in ihrem schoß ein paar nervös zerpflückte blätter. josef? schon lange weg. hat getrunken, sich nicht gekümmert und sie schließlich sitzen lassen, dort in rumänien. mit den vier kindern. irgendwann machte sie sich auf. gen westen. maria; ohne josef. aber mit den zwei kleinsten kindern. die beiden älteren bei der großmutter, die auch noch für die kinder des verstorbenen sohnes sorgt. in der großen stadt im fremden land, hat sie eine kleine herberge gefunden. monat für monat versucht sie mit dem verkauf der straßenzeitung die miete für das zimmerchen zu erwirtschaften. und das essen. und die unterstützung der beiden großen, die so entsetzlich weit weg sind. und das insulin, dass der älteste sohn tagtäglich benötigt, um zu überleben. und nun sitzt sie in der sonne. mit tränen in den augen. und blättern im schoß. man hat sie vertrieben. kein raum mehr vor dem supermarkt. vor dem sie vier jahre lang woche für woche stand und teilnahmslose blicke, spitze kommentare, manchmal ein freundliches wort, ein brötchen in der tüte oder ein paar cent mehr für die zeitung erhielt. doch nun gibt es kein raum mehr für sie. überhaupt immer weniger raum in der großen stadt. die den öffentlichen raum zugunsten der tempel verkleinert, die dem konsum huldigen und nur diejenigen willkommen heißen, die das nötige kleingeld haben. kleingeld hat sie. eine handvoll centstücke. und eine euromünze. nicht genug, um auch nur ein brot und ein stück käse in diesem großen markt zu erwerben. der kleinere, billigere laden wird es sein. und auch dort wird sie nur mit gebeugtem kopf durch die reihen gehen. um die preise kurz über dem boden entziffern zu können. sie weiß, die produkte auf augenhöhe kann sie sich nicht leisten. und während sie preise vergleicht und den einkaufskorb mit wenigem füllt, dreht sich das gedankenkarussell. und zum schwindel durch den hunger kommt der schwindel durch die sorgen. doch wie wackelig sie auch sein mag auf den müden beinen. morgen schon wird sie wieder unterwegs sein. allein. auf der suche nach raum in der stadt. maria? gestern noch habe ich sie gesehen.

Verfasst von: dietauschlade | 6 März 2015

von schatten. und letzten worten.

wieeinBAUMdenmanfällt[klick!]
ob der letzte schatten eines baumes vergleichbar ist mit den letzten worten eines menschen?

Die unbegreifliche und unannehmbare Katastrophe, daß, was immer man von der Unzerstörbarkeit von Energie erhoffen, denken, wissen mag, wie immer man die Dauer von Erinnerung beschwören mag, doch mit jedem Toten der ganze Kosmos, den er im Laufe seines Lebens in sich aufgenommen hat, entwickelt, ständig erweitert, im wörtlichen Sinn verkörpert hat, für immer dahingeht. Ein unersetzlicher Verlust. (Christa Wolf: Rede, daß ich dich sehe.)

I needed to look out onto trees like I do here. I like the privacy of having trees. I love looking at the trees and watching the seasons pass. It’s a luxury and it’s something I cherish wholeheartedly. (Marcelo Krasilcico Brasilian in: apartamento #o8)

Städte sind bisher langsam gewachsen, in einem sehr intensiven Verständigungszusammenhang ihrer Bürger. Es ist eigentlich ein schlechtes Bild, heute noch in Anlehnung an Organisches vom Städtewachstum zu sprechen. Städte werden produziert wie Automobile. (Alexander Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden)

Bei der Umrundung sieht man die ganze Zeit das Meer [oder die Brachflächen inmitten der Stadt mit Bäumen, Sträuchern und Blumen; m.f.], die Ausblicke sind zum Sterben schön. […] Man erkannte sofort, wieso ein Investor nur einmal hinschauen musste, um in großen glänzenden Lettern das Wort GOLDGRUBE zu sehen. Mehr sähe er nicht. (Keri Hulme: Steinfisch)

Verfasst von: dietauschlade | 5 März 2015

nebenbei berlin [143]

balkonRequisiten

Auf eine gewisse Ordnung muß geachtet werden, denn wenn jeder anfangen möchte, Löcher in die Wände zu machen, Sodom und Gomorra wäre wieder auf der Welt. (Janosch: Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm)

ob die protagonistin aus janoschs roman wohl diese alte trockenhaube (oder ist es nicht doch ein alter scheinwerfer?!) auf dem balkon gutheißen würde? ich glaube nicht. doch das ist mir von herzen egal. mich erfreute dieses unerwartete requisit bei meinem letzten spaziergang durch pankow sehr.

Verfasst von: dietauschlade | 4 März 2015

nebenbei berlin [142]

bald!bald.

Verfasst von: dietauschlade | 3 März 2015

tagesFarben

farben_neonrosatürkisan manchen tagen, laufen mir ganz ähnliche farben und kombinationen über den weg.
(oder ist es nicht eher umgekehrt: ich laufe ihnen über den weg?!)

Verfasst von: dietauschlade | 2 März 2015

nebenbei berlin [141]

chamäLeon

Das Basteln, Kneten und Formen als eine Art des Selbstspürens sucht sich als Gegenüber die raue Stadt. (…)
Die Stadt aber ist als Austragungsort des gestaltungswilligen Ichs besonders verlockend, sie bietet Reibung, Erdung, eine Realität für oftmals irreale Einfälle. (Hanno Rauterberg: Wir sind die Stadt! Urbanes Leben in der Digitalmoderne.)

so langsam wird es eng auf berlins straßenschildern.

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