Verfasst von: dietauschlade | 22 Mai 2017

kleinste Gärten [3]

Dagegen steht der Ehrenpreis, er steht einfach da und läßt die Welt an sich vorbeiziehen, und wenn man ihn im Auto passiert, wird man ihn nicht sehen, wie man nichts sieht, wenn man es im Auto passiert.
(Andreas Maier und Christine Büchern: Bullau. Versuch über Natur.)

wie gut, dass ich meistens zu fuß oder mit dem fahrrad unterwegs bin. sonst hätte ich die vergissmeinnicht in diesem kleinsten garten in pankow wohl unbemerkt passiert.

Verfasst von: dietauschlade | 17 Mai 2017

nebenbei berlin [216]

Das verlassene Dorf liegt am Meer. Fünf graue kleine Höfe, eingekuschelt in die Senken zwischen den grauen Felskuppen. Armutsgrau und Urzeitgrau zu gleicher Zeit. Das Meer wird grau, wenn gegen Abend der Sommertag sich eintrübt, und grau und schwer hängen die Wolken über dem Dorf, wo niemand wohnt.
(Astrid Lindgren: Rasmus und der Landstreicher)

Verfasst von: dietauschlade | 15 Mai 2017

12von12

Dann entdeckte ich die Naturforscher des neunzehnten Jahrhunderts, unerschrockene Gesellen, die nichts dabei fanden, unzählige Stunden draußen im Freien mit der Beobachtung ihrer kleinen Forschungsobjekte zu verbringen.
(Elisabeth Tova Bailey: Das Geräusch einer Schnecke beim Essen)

12 photos am 12ten tag des monats. an diesem tag habe ich…

[5] beim ersten kaffee ein langes zitat abgeschrieben und verschlagwortet.
[3] den augustjungen mit bananenbrot gefüttert.
[1o] meine pflanzen gegossen.
[7] karten geschrieben und päckchen gepackt.
[2] am späten vormittag (leider nur eine stunde lang) vögel beobachtet (6 spatzen, 2 stare, 3 elstern, 13 mauersegler, 2 ringeltauben, 3 nebelkrähen, 1 turmfalke, 1 mönchsgrasmücke).
[1] die spargelcremesuppe verspeist, die der liebste uns gekocht hatte.
[6] den augustjungen beim krabbeln, klettern und flugzeuge bestaunen beobachtet.
[8] die letzten sachen für einen wochenendausflug gepackt.
[11] mit dem liebsten und dem augustjungen einen waldspaziergang vom s-bahnhof nikolassee nach schwanenwerder gemacht.
[12] auf einer bank unter einer birke am wannsee eine kleine picknickpause eingelegt.
[9] den ausblick von unserem balkon aus bewundert.
[4] mit vielen netten menschen das gemeinsame freizeitwochenende eingeläutet.

Verfasst von: dietauschlade | 10 Mai 2017

nebenbei berlin [215]

Wie müßte ein Liebesbrief an Silke beginnen?
Hießest Du Elvira Madigan, dies wäre ein Klavierkonzert.
(Helmut Krausser: Schweine und Elefanten)

Verfasst von: dietauschlade | 1 Mai 2017

aprilFreuden [2]

…Vorigen April rief ich Euch einmal beide, wenn Sie sich erinnern, telephonisch dringend
um 1o Uhr früh in den Botanischen, um mit mir die Nachtigall zu hören, die ein Konzert gab.
(Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gefängnis)

«wie kam es eigentlich, dass du so gerne vögel beobachtest?», fragte mich die mamuschka als sie mir die feder [8] überreichte, die sie nahe des müritzsees gefunden hatte. ich wusste keine antwort, dachte aber noch lange darüber nach und kam zu dem schluss: rosa luxemburg. es waren wohl die wiederkehrenden beschreibungen ihrer liebsten genossen, die mich vor einigen jahren ermunterten, diesen kleinen geschöpfen genauere aufmerksamkeit zu widmen und nun bei jeder gelegenheit mit dem fernglas zu beobachten. (in diesem monat: spatzen, amseln, nebelkrähen, kohl-, blau- sowie eine sumpf- oder weidenmeise. eichelhäher, drossel, stieglitz, ringeltauben und enten. möwen, seeschwalben, wildgänse und buchfinken. allein die nachtigall habe ich nicht gesehen. doch ihrem gesang, der seit ein paar tagen ertönt – dem habe ich gelauscht.)

doch ich habe nicht nur verschiedenste vögel erblickt, sondern auch noch andere beobachtungen gemacht: das langsame ergrünen der bäume im schlosspark [1;12;2o]; die möwenschar und das glitzern der sonne auf der müritz [2]; die mamuschka, die mit dem augustjungen singt, liest und spielt, die ihn füttert oder trägt [3]; die untergehende sonne, ein eisiger wind und ein eindrucksvolles wolkenschauspiel an unserem ersten abend am see [4]; der wellengang, der das seewasser bis an das schiffsfenster prasseln lässt [5]; das rötlich leuchtende städtchen [11]; die birke, die aus einer regenrinne wächst [13]; das eichhörnchen im schlosspark [14]; die vielen vogelnester rund um den see [15]; und den augustjungen, der immer wieder das alte papprohr ergreift und mit großer freude als sprachrohr nutzt. neben all diesen feinen beobachtungen habe ich auch noch so manche freude im laufe des aprils gesammelt: nüsse knacken für das abendessen während ich mit dem liebsten diskutiere und philosophiere [6]; das osterfrühstück mit frisch gefärbten eiern und veganen mettbrötchen [7]; balkonarbeiten [16;18;19] mit dem augustjungen [9]; das neue alte kinderbett, das uns die unbekannte nachbarin leiht (und in dem schon ihr liebster als kleinkind schlief)[1o]; und die frischen sprossen, die manche mahlzeit verfeinerten [17].

Verfasst von: dietauschlade | 30 April 2017

aprilFreuden [1]

Das traditionelle japanische Haus kennt, anders als europäische Häuser, die einfache Trennung von Innen und Außen durch eine gemauerte Wand, in der sich eine Tür befindet, und die Aufteilung von Wohnen, Essen und Schlafen in eigene Zimmer nicht. Es gibt oft keine festgelegten Schlaf- und Wohnzimmer. Betten sind nicht zu sehen; sie werden über den Tag im Oshiire, einer Art Schrank, aufbewahrt. Zwischen Straße und privaten Räumen gibt es nicht nur ein oder zwei Türen, sondern ein Labyrinth an Schwellen: Ein Stück halböffentlichen Raum, etwa ein gepflasterter Vorbereich, dann eine Pforte, durch die man zum Genkan gelangt, eine Art Eingangsraum, in dem die Schuhe abgestellt werden, dann, erst eine Stufe hinauf auf das Wohnniveau, kommt das eigentliche Haus. Der Engawa und die Gänge können mit Schiebeelementen geschlossen und so dem Haus oder der Terrasse zugeschlagen werden. (Niklas Maak: Wohnkomplex. Warum wir andere Häuser brauchen.)

obiges zitat passt für mich aus viererlei gründen in den april. zum einen startete ich den monat mit der interessanten lektüre von ghislanas japan-reise-bericht. außerdem schrieb ich die angestrichenen sätze aus diesem buch in meine schwarzen hefte ab, so dass sie mir derzeit besonders präsent sind. dann kam ganz unerwartet ein päckchen [6] von einer ehemaligen schülerin, die nun in japan wohnt. und nicht zuletzt hatten wir fast drei wochen durchgehend besuch. dies bedeutet bei einer zwei-zimmer-wohnung, dass die werten besucher und besucherinnen im wohnzimmer nächtigen und die gästematratze jeden abend hervorgeholt und jeden morgen wieder hinter die bücherregale (unser oshiire, gewissermaßen) gestellt wird.

nun aber der (foto)reihe nach mit all den aprilFreuden. bei unseren vielen spaziergängen zu dritt (und viert und fünft) haben wir uns an der täglich zunehmenden pankower baum- und blütenpracht [1;5;1o] erfreut. und auch im balkongärtchen war die felsenbirne in voller blüte [8].  die sonnigeren tage habe ich genutzt, um meine setzlinge umzutopfen [2]. (und der augustjunge hat jedes wetter genutzt, um die cds ‹umzusetzen› [9]). wir haben viele ausgiebige frühstücke mit der belle-sœur und ihrem liebsten genossen [11] und der augustjunge die ausdauer von tante und onkel [13]. die bücherprinzessin und ihre entzückenden tochter bescherten uns einen fidelen freitag im april sowie einen strauß herrlich blühender narzissen [15]. an karfreitag reisten dann die mamuschka und der schrat an. neben bücherangucken mit dem augustjungen [7], färbte der schrat am samstag abend nach alter tradition noch ein paar ostereier [14;16], die wir beim gemeinsamen osterfrühstück [12] verspeisten. und in der woche darauf genossen wir gemeinsam einige tage am müritzsee mit all seiner flora und fauna [2;3].

Verfasst von: dietauschlade | 22 April 2017

einen moment bitte… [2]


«Ein Moment sind drei Augenblicke.»
…stellte das kind von frau augengeblicktes weise fest.


drei augenblicke an der müritz.
die mamuschka hält ausschau nach
steinen, scherben und federn.

(und mir fällt dieses lied ein.)

Verfasst von: dietauschlade | 21 April 2017

beobachtungen während einer zugfahrt…

…von berlin nach waren (müritz)

° der weiß-hellgrün leuchtende birkenhain vor wolkig-blauem frühlingshimmel.
° ein verwitterter bahnübergang mit treppengerüst. die stufen fehlen schon lange.
° lila tupfen am bahndamm. primeln? vergißmeinnicht? (zu schnell fuhr der zug.)
° hellgrün schimmern die heidelbeerpflanzen durch das dickicht des kiefernwaldes.
° zwischen den gleisen des rangierbahnhofs sprießt ein meer gelber blumen.
° mitten auf einer wiese ein hochsitz. doch nicht auf stelzen sondern auf rädern.
° eine schwarz-weiß gescheckte kuhherde, die mittagspause macht.
(später noch eine schwarze rinderherde.)
° an einer wäscheleine hängen einsam hemd und hose.
° über einem feld fliegt – nur wenige meter hoch – ein greifvogel.
° eine alte bahnlampe ist umgekippt und hängt nun in der astgabel eines baumes.
(ob sie des nachts in die fenster der vorbeifahrenden züge leuchtet?)
° ein weißer blumenteppich überzieht das unterholz eines buchenwäldchens.
° braunrot und dunkelgrün die fichten. davor die munteren farben der birken.
° das dunkelrote schiffchen mit den weißen holzbalken, das an einem havelpier vor anker liegt. (kurz darauf das bahnhofsgebäude von fürstenberg. in gleichen farben.)
° über der schneise (für stromleitungen durch den wald) kreisen zwei greifvögel.
° drei holzkähne. im schatten der bäume am rande eines waldsees festgemacht. (ganz schwach lässt sich bei einem noch erkennen, dass er mal hellblau gestrichen.)
° eine ente fliegt über eine wiese. drei blicke weiter ein watender graureiher.
° unzählige pfützen auf einer wiese zeugen von einem (vielen?!) regenschauer.
° tiefe reifenspuren im sandweg. bis dieser (und somit auch die spuren) plötzlich endet.
° die dunkelgrüne holzbank vor der kleinen grauen felsenkirche.

Verfasst von: dietauschlade | 16 April 2017

…genügt ihr.

7 sonntage. 7 mal ballast abwerfen.

Denn was will ich heit machen mit den Geld? Brauch‘ ja nix, weil a Mensch, welcher nix brauch‘, hat alles. Weil zeit meines Lebens hab‘ ich mir das so eingericht, daß ich immer bissel weniger brauch‘, als ich zu Verfiegung hab‘, und so kommt das, daß ich immer was zuviel besitze. Umgekehrt wie die Leit hier. Brauchen immer bissel mehr wie sie haben, und davon kommt das, daß sie immer zu wenig besitzen und nich zufrieden sein könn. (Janosch: Sacharin im Salat)

Gemessen an Luxus und Bequemlichkeit lebten die Weisen immer einfach und ärmlicher als die Armen. Den alten Philosophen in China, Indien, Persien und Griechenland kam niemand an äußerer Armut und innerem Reichtum gleich. (H.D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern)

Ich komme immer mehr davon ab, Dinge zu besitzen, nicht wegen einer politischen Richtung, wie etwa der Ideologie von Henry George, sondern einfach aus praktischen Gründen. Besitz wird immer mehr zu einer Belastung und Verschwendung wird daher obsolet. (Richard Buckminster Fuller: Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde)

Der Mensch brauchte ein Dach über dem Kopf, der Mensch brauchte Brot, der Mensch brauchte etwas zum Anziehen, doch alles, was darüber hinaus ging, war überflüssig. (Shulamit Lapid: Lokalausgabe)

Wahrhaftig, je mehr ihr von solchem Trödel habt, desto ärmer seid ihr. (…) Es ist fast so, als würde dieser ganze Plunder einem Mann an den Gürtel gehängt und er könnte nicht durch das rauhe Land ziehen, (…) ohne dies alles mitzuschleppen – seine eigene Falle. (…) Ist es verwunderlich, daß der Mensch seine Beweglichkeit verloren hat? (H.D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern)

Schon vom bloßen Augenschein hätte man also von Hrdlak sagen können: Alles, was ihm gehört, trägt er bei sich. Er – Hrdlak – steht hier mit leeren Händen am Rande der Ewigkeit. (Janosch: Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben)

Wo sie auch wohnt, wohnt sie alleyn
Hat nur sich selbst, nicht Schrank noch Schreyn,
Ihr ganzer Schatz sich selbst zu seyn
Genügt ihr.
(William Cowper: Die Schnecke)

Verfasst von: dietauschlade | 12 April 2017

12von12

Das Ziel aller Einrichtungszeitschriftenträume ist kein heiteres, wildes Leben, sonder Entspannung, Schlaf und Abschottung. […] Hier geht es trotz riesenhafter Küchentische, die wie Monumente einer unerfüllten Sehnsucht den Raum versperren, nicht mehr darum, Gäste einzuladen und gemeinsam zu feiern, sondern um ungestörten, quastenumbaumelten Schlaf. Gibt es eine einzige Einrichtungszeitschrift, in der man fünfzehn Menschen an einem verwüsteten Tisch, auf Sofas und in Küchen feiern sieht? Eben. Die Einrichtungsgegenstände und Dekorationsideen erzählen von der Überforderung des Bewohners: Das Haus ist eine Wellnesslandschaft für den burnoutgeplagten, weil überarbeiteten Immobilienbesitzer, eine Comfort Zone, in der alles auf Erholung, Abschottung und Trost ausgerichtet ist – und vergessen lässt, dass das Haus, der Stress und die Kosten, die es produziert, selbst ja einer der Erschöpfungsgründe ist. (Niklas Maak: Wohnkomplex. Warum wir andere Häuser brauchen.)

der zwölfte tag des vierten monats war wuselig und chaotisch und wild und voll und überraschend und laut und lustig und alles in allem wunderbar. denn heute habe ich

º (ebenso wie der liebste und der augustjunge) den wecker überhört und bin viel später als geplant aufgestanden. während der liebste ein bananenbrot für den augustjungen schmierte, habe ich diesen gewickelt und angezogen [1].
º mich sehr darüber gefreut, dass der belle-sœur und ihrem liebsten (die für einige tage bei uns weilten) dies nicht passiert war und die beiden bereits den frühstückstisch gedeckt hatten [9].
º noch während des verspäteten frühstücks den gar nicht mehr so kleinen nachbarsjungen begrüßt, auf den wir für ein paar stunden aufpassten, und ihm ein tellerchen mit apfelschnitzen und mandeln bereitgestellt [5].
º mehrmals den augustjungen ins tuch genommen und (mal mehr mal weniger erfolgreich) in den schlaf gewippt [3].
º die kartoffel-thymian-suppe, die der liebste spontan kochte, mit sechs weiteren großen und kleinen menschen um unseren esstisch herum genossen [1o] und danach leider die belle-sœur und ihren liebsten verabschiedet.
º nach dem mittagessen noch einen tee mit dem liebsten und der pankowfreundin getrunken [8] während der augustjunge schlief und der gar nicht mehr so kleine nachbarsjunge spielte.
º als aller besuch am späteren nachmittag weg war, die wohnung aufgeräumt, gespült [11], saubere wäsche zusammengelegt und dreckige wäsche gewaschen [7].
º den liebsten und den augustjungen beim spielen beobachtet [4] (und beim plappern zugehört).
º osterpost [6] von franziska geöffnet (♥lichen dank).
º für künftige vogelbeobachtungen ein überraschungsgeschenk vom liebsten überreicht bekommen [12] und direkt in gebrauch genommen (in den verregneten büschen und bäumen war zwar kein federvieh zu entdecken, doch just als ich durch das fernglas auf den balkon blickte, landete dort eine taube, die ich gründlich inspizieren konnte).
º das schwarze heft des augustjungen [2] und nun auch diesen blog mit den neusten beobachtungen und entwicklungen gefüllt. und nun – gute nacht!

Verfasst von: dietauschlade | 10 April 2017

nebenbei berlin [214]


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