Verfasst von: dietauschlade | 28 Juli 2015

nebenbei berlin [176]

lüftung

stoßlüften. oder: verrückt wohnt woanders.

Auf der Brücke fasste Rudi die Ereignisse des Nachmittags in wenigen Worten zusammen.
»Diese Leute sind entweder völlig verrückt«, sagte er, »oder sie können nicht genug Frischluft kriegen.«
(Markus Zusak: Die Bücherdiebin)

Verfasst von: dietauschlade | 27 Juli 2015

über der stadt.

rundflug_1

Die Art und Weise, wie wir einen Ort kennenlernen, erschafft ein Bild in unserem Kopf und formt unsere Vorstellung von ihm. Ich glaube, dass unser erstes Verständnis eines Ortes während unserer Bewegung hindurch entsteht – zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder Autos, vielleicht sogar per Schiff oder in der Luft. (Lisa Dietrich: ‹Hometown› in: Stadtaspekte n°o1)

rundflug_6

vor knapp zwei jahren schrieb ich darüber, auf welchen wegen ich berlin bereits erkundet habe. der schrat las dies und dachte sich, dass es ja nicht sein kann, dass seine fliegertochter die große stadt noch nicht aus der vogelperspektive betrachtet hat. prompt schenkten die mamuschka und er mir zum nächsten geburtstag einen gutschein für einen rundflug. letzte woche passte dann endlich das wetter und der pilot hatte ganz spontan zeit, so dass der schrat, der liebste und ich in einer kleinen cessna einen einstündigen flug über das südliche berlin genießen konnten.

rundflug_2

manche bauwerke der großen stadt sah ich beim rundflug zum ersten mal (und – jan gehl folgernd – aus der passenden perspektive), wie beispielsweise die gropiusstadt [13;19] oder die hufeisensiedlung [1o]. manches [5;14;19] war mir von ausflügen bekannt. einige ecken sehe ich fast täglich, wie die rummelsburger bucht [9;12] und den ehemaligen maschinenbauhandel neben dornröschens (nun abgerissenem) schloss [8]. und das heizkraftwerk [9] ist sogar bei nebenbei berlin verewigt. auf dem rückweg flogen wir ‹noch eben› an potsdam und sanssouci [16;17] vorbei und dann ging es über brandenburger felder und wälder (selbst diese riesige halle konnte man in der ferne [3] entdecken) zurück zum kleinen flugplatz. hier ein letzter blick zum himmel und die maschine rangieren.

rundflug_3

liebste mamuschka, liebster schrat – habt dank für diese neue perspektive auf die wunderbare stadt!

rundflug_4

Verfasst von: dietauschlade | 26 Juli 2015

weiter weg zum werbellinsee

radTouren_1

Der Radfahrer kann neue Ziele seiner Wahl erreichen,
ohne daß sein Gefährt einen Raum zerstört,
der besser dem Leben dienen könnte.
(Ivan Illich: Energie und Gerechtigkeit)

radTouren_2

Auf dem Fahrrad kann der Mensch sich drei- bis viermal schneller fortbewegen als der Fußgänger, doch er verbraucht dabei fünfmal weniger Energie. Auf flacher Straße bewegt er ein Gramm seines Gewichts einen Kilometer weit unter Verausgabung von nur o,15 Kalorien. Das Fahrrad ist der perfekte Apparat, der die metabolische Energie des Menschen befähigt, den Bewegungswiderstand zu überwinden. Mit diesem Gerät ausgestattet, übertrifft der Mensch nicht nur die Leistung aller Maschinen, sondern auch die aller Tiere. (Ivan Illich: Energie und Gerechtigkeit)

radTouren_4

Fahrräder ermöglichen es dem Menschen, sich schneller fortzubewegen, ohne nennenswerte Mengen von knappem Raum, knapper Energie oder knapper Zeit zu beanspruchen. Er benötigt weniger Stunden pro Kilometer und reist doch mehr Kilometer im Jahr. Er kann den Nutzen technologischer Errungenschaften genießen, ohne die Pläne, die Energie oder den Raum anderer übermäßig zu beanspruchen.  Er wird Herr seiner Bewegung, ohne die seiner Mitmenschen wesentlich zu beeinträchtigen. Sein neues Werkzeug schafft nur solche Bedürfnisse, die es auch befriedigen kann. Jede Steigerung der motorisierten Beschleunigung schafft neue Ansprüche an Raum und Zeit. Die Verwendung des Fahrrades beschränkt sich von selbst. (Ivan Illich: Energie und Gerechtigkeit)

radTouren_3

wie gut, dass es fahrräder gibt. so kann man ‹mal eben› von berlin an den werbellinsee und zurück fahren. vorbei an kleinen häuschen, einer alten mühle und neu bewohnten herrenhäusern. entlang an bächen mit kleinen brücken und grünen feldern (auch mal mit storch oder reh). durch kiefernwälder mit birkenhainen. gestärkt mit tee und kaffee vom liebsten, mit geschmierten und üppig belegten brötchen vom schrat, mit den freundlichen und interessanten worten der mamuschka sowie mit den kleinen himbeeren am wegesrand. am werbellinsee herzlich und gastfreundlich empfangen von deren schwiegereltern und dem schwesterherz. und natürlich von der mittlerweile schon ganz schön großen nichte, die fröhlich und fast gar nicht mehr wackelig an den see läuft. nach dem füße kühlen und einer runde schwimmen, machen wir uns auch schon wieder auf den heimweg. (auf dem wir sogar noch zwei frisch erblühte holunderdolden und einige lindenblüten entdecken, die an ort und stelle zu einem erfrischenden tee gekocht werden). und nach einem späten kartoffelsalat mit (veganen) würstchen am heimischen esstisch, fallen wir erschöpft, doch sehr fidel in unsere betten!

radTouren_5

Verfasst von: dietauschlade | 24 Juli 2015

Oh, wie schön ist Brandenburg!

radtouren_1

Sie ging hinaus, kramte im vorderen Gepäckkorb ihres Fahrrades und brachte ein Glas Marmelade zum Vorschein, Quittengelee, verkündete sie, für euch. Ich breche bald auf, doch wenn ich darf, möchte ich erst noch ein wenig spazierengehen. Sie lehnte ihr Fahrrad gegen die Treppe draußen. Als sie eine halbe Stunde später wiederkam, hatte sie ein Bündel Primeln mit Wurzeln bei sich, die sie sorgsam im vorderen Gepäckkorb verstaute. (John Berger: Mann und Frau unter einem Pflaumenbaum stehend)

radtouren_2

vergangene woche waren die mamuschka und der schrat bei uns zu besuch. und da sie ihre fahrräder mitgebracht hatten, machten wir am ersten ferientag eine kleine radrundtour durch das schöne nachbarbundesland. durch felder und wälder, entlang an bächen und seen und unter einem blauen, wolkenbetupften sommerhimmel. bereits nach einigen kilometern entdeckten wir einen recht vollbehangenen kirschbaum am wegesrand und legten eine erste pause ein, um die roten, süßen früchte zu pflücken und zu genießen. die zweite pause fand (nun aber so einige kilometer später) am skulpturenweg steine ohne grenzen statt. der liebste kochte kaffee mit seinem kocher, wir genossen unterwegs gekauften kuchen und mitgebrachte belegte brötchen sowie aussehen und haptik der steinskulpturen. am späten nachmittag folgten wir in einem wäldchen der beschilderung an einen kleinen see und legten dort die letzte, sehr erfrischende pause ein. diesmal mit frischgekochtem kräutertee, den restlichen brötchen, äpfeln und ein paar stückchen schokolade. eine wunderbare tour (die mir kurz vor der heimkehr einen ganz neuen blick auf einen ‹fernsehturm im grünen› ermöglichte).

radtouren_3

(die zwei pflänzchen, die ich am seeufer entdeckte, wachsen und gedeihen jetzt fröhlich im balkongärtchen
– und rufen mit jeder tasse pfefferminztee, die erinnerungen an diesen ferientag zurück.)

radtouren_4

Verfasst von: dietauschlade | 22 Juli 2015

rezension: An meinen toten Vater.

anmeinentotenvater_1

Daß der Gedankenstrahl die Zeitschichten rückblickend und vorausblickend durchdringen kann, erscheint mir als ein Wunder, und das Erzählen hat an diesem Wunder teil, weil wir anders, ohne die wohltätige Gabe des Erzählens, nicht überlebt hätten und nicht überleben könnten. (Christa Wolf: Stadt der Engel)

anmeinentotenvater_2

wie erzählt man vom plötzlichen tod eines geliebten menschen? wie erinnert, verarbeitet, durch- und überlebt man, wenn raum und zeit in anbetracht solch eines ereignis ins wanken geraten?

Die Zeit ist aus den Fugen, Papa.
(gerahmtes Zitat im Warteraum)

im februar 2o11 erfährt der schauspieler holger foest, dass sein vater in den französischen alpen abgestürzt ist. gemeinsam mit seiner kollegin marie rodewald nimmt er diesen tragischen verlust als anlass, den tod aus dem autobiographischen heraus als permanente option zu beschreiben. vergangene woche wurde die letzte aufführung dieses live features in einem alten bürogebäude in oberschöneweide gezeigt. zunächst in einem kleinen warteraum empfangen (dessen möbel mich an ich heiße anna erinnerten – doch mit kleinen details versehen an das aktuelle stück heranführten), wurden die elf zuschauer|innen mit je einem kopfhören samt mp3-player ausgestattet und in den fast kahlen aufführungsraum geführt. in einer reihe an der wand, den beiden schauspielern holger foest und lothar krüger direkt gegenüber, hörten wir (jede|r für sich) und sahen wir (gemeinsam) die bewegende innenschau eines trauernden menschen. sehr gut und wichtig fand ich das nachgespräch. szenen der aufführung wurden in erinnerung gerufen, mit eigenen gedanken, erlebnissen und fragen an die anwesenden verknüpft. ein paar dieser informationen, anmerkungen und fragen habe ich mir notiert, um sie hier für zu verknüpfen und weiter zu denken.

* die leiterin eines hospizdienstes erzählt, dass der icd die trauerzeit beim verlust eines nahen menschen auf wenige wochen verkürzt. überwiegt die trauer nach diesem zeitraum, soll eine depression festgestellt und behandelt werden. ⊂ ⊃ individuelle frei- und zeiträume spielen keine rolle mehr. das leben wird nicht mehr als gestalt wahrgenommen, die durch ereignisse gewandelt, geformt und geprägt wird, sondern nur als summe möglichst effektiver einheiten. max frisch bringt dies (in: Homo Faber) auf den punkt: ‹Mein Irrtum: daß wir Techniker versuchen, ohne den Tod zu leben. Wörtlich: Du behandelst das Leben nicht als Gestalt, sondern als bloße Addition, daher kein Verhältnis zur Zeit, weil kein Verhältnis zum Tod. Leben sei Gestalt in der Zeit. (…) Leben ist nicht Stoff, nicht mit Technik zu bewältigen.› und so darf auch nur noch innerhalb eines (von außenstehenden normierten und standardisierten) zeitrahmens getrauert werden. wie anders beschreibt dies janosch (in: Sandstrand): ‹Als der Zug abfuhr, hingen einige Bauern, die Mutter und die Schwestern eines Jungen an der Tür des Waggons, als wollten sie den Zug mit ihren Händen festhalten; sie heulten und schrien; offensichtlich brachten sie den Jungen weg von zu Haus und von seiner Kindheit auf den Weg ins Leben. Als ob es für immer wäre. Die Mutter klammerte sich mit den Fäusten, in denen sie ein weißes Tuch hielt, an die Tür, ans Fenster, und als der Zug sich in Bewegung setzte, mußte der Vater sie herunterzerren. Die Schwestern schrien, und nur der Vater versuchte, sich zu beherrschen, drückte wohl einmal mit dem Finger gegen das Auge, sagte aber nichts. Und hier änderte der alte Karl seine Meinung über die Italiener. (…) Denn auf dem Bahnhof war keiner, der diese Verzweiflung nicht respektierte, der die Distanz nicht wahrte; sie haben nicht einmal durch Blicke diesen Freiraum überschritten, der dem Menschen zusteht, wenn er sich vor aller Welt nackt und so wie er ist, zeigen muß.›

* auf die frage, wie sich die zeit-raum-wahrnehmung während der trauer verändert, erzählt jemand, dass trauernde in mehreren zeit-räumen leben. ⊂ ⊃ und vielleicht ist das genau die richtige art, zeit und raum zu erleben. als jakob hein (in: Vielleicht ist es sogar schön) über den tod seiner mutter schreibt, zitiert er kurt vonnegut: ‹Alle Momente, die vergangenen, die gegenwärtigen und die zukünftigen, haben immer existiert, werden immer existieren. Die Tralfamadorianer können auf diese Momente blicken, so wie wir auf das Panorama der Rocky Mountains blicken können, zum Beispiel. Sie können sehen, wie bleibend all diese Momente sind und sie können auf jeden Moment blicken, der sie interessiert. es ist nur eine Illusion, die wir hier auf der Erde haben, dass ein Moment auf den anderen folgt, wie Perlen auf einer Schnur, und dass, wenn dieser Moment vergangen ist, er für immer vorbei ist.› janosch schreibt (in: Sacharin im Salat) ganz ähnliches: ‹Die Zeit erscheint uns, als ob sie wie eine Schnur von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft in einer Richtung verliefe, aber so ist es nicht. Du mußt sie dir wir einen Raum vorstellen, in dem alles gleichzeitig ist: die Gegenwart und die Zukunft und die Vergangenheit, aber du kannst dich nur an einem Punkt befinden, und der erscheint dir als Gegenwart. Der Mensch könnte einen Zustand erreichen, in welchem er sich in diesem Raum bewegen kann.›

* die frage kommt auf, wie wir uns auch im alltag der toten erinnern können, und eine zuschauerin berichtet, dass in bulgarien beispielsweise die namen der toten an die häuser geschrieben werden. ⊂ ⊃ mir fällt eine stelle bei susanna tamaro (in: Geh, wohin dein Herz dich trägt), in der die großmutter ihrer enkelin eine tätigkeit als erinnerung weitergibt und denke selbst an viele handgriffe, die ich im laufe vieler jahre von meinen vorfahrinnen und vorfahren übernommen habe (wie etwa das zupfen von verwelkten walderdbeerblättchen, wie ich es immer beim ömchen gesehen hat): ‹»Weißt du was? Ich bringe dir jetzt etwas bei, was ich kann und du nicht, und wenn ich dann nicht mehr da bin, tust du es und erinnerst dich dabei an mich.« Ich stand auf, und du bist mir um den Hals gefallen. »Also«, habe ich gesagt, um die Rührung zu verscheuchen, die mich schon ansteckte, »was soll ich dir beibringen?« Während du dir die Tränen trocknetest, hast du eine Weile darüber nachgedacht und schließlich gesagt: »Kuchen backen.«› und nicht nur in bestimmten abläufen, auch in unserem körper selbst sammeln sich die erinnerungen an unsere ahnen. susanna tamaro schreibt im selben buch: ‹Im Gesicht ist alles enthalten. Deine Geschichte, dein Vater, deine Mutter, deine Großeltern und die Urgroßeltern, womöglich auch ein entfernter Onkel, an den sich niemand mehr erinnert. Hinter dem Gesicht steht die Persönlichkeit, die guten und die weniger guten Dinge, die du von deinen Vorfahren mitbekommen hast. Das Gesicht ist etwas Ureigenes, etwas, das uns erlaubt, uns im Leben einzurichten und zu sagen: So, hier bin ich.›

* wir sprechen ebenfalls darüber, wie wir den tod selbst mit in unseren alltag integrieren können. der schrat verweist auf den psalm 9o,12 ‹Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.› und erzählt von der übereinkunft mit der mamuschka, nicht im streit (und ohne einander noch einmal in die augen geguckt zu haben) auseinander zu gehen. ⊂ ⊃ in meinen schwarzen heften finde ich dazu noch einmal ein zitat von susanna tamaro (in: Geh, wohin dein Herz dich trägt), die genau dies schreibt: ‹Es entsteht eine plötzliche Leere – die Leere ist immer gleich -, aber gerade in dieser Leere nimmt die Verschiedenheit des Schmerzes Gestatlt an. Alles, was man nicht gesagt hat, materialisiert sich in diesem Raum und dehnt sich aus, dehnt und dehnt sich immer weiter aus. Es ist eine Leere ohne Türen, ohne Fenster, ohne Auswege, das, was dort in der Schwebe bleibt, bleibt für immer so, ist über dir, mit dir, um dich, hüllt dich ein und verwirrt dich wie dichter Nebel. (…) Jetzt kannst du vielleicht verstehen, was ich dir eingangs sagte: Die Toten belasten uns nicht so sehr durch ihre Abwesenheit als vielmehr durch das, was – zwischen uns und ihnen – nicht ausgesprochen wurde.›

* wir fragen uns in dieser kleinen runde, inmitten von alten möbeln, einer schreibmaschine, papierkranichen und im licht der altmodischen lampen, ob und wie wir uns auf unseren eigenen tod vorbereiten können. ⊂ ⊃ christoph schlingensief, dessen bücher hier auf den alten wohnzimmertisch liegen, schreibt (in: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!) dazu:  ‹Und bastele weiter an meinem Bild des Sterbens, weil ich es wichtig finde, dass man sich nicht an Kabeln und Drähten befindet, wenn man die letzten Gedanken denkt. Sondern dass man in ein Bild einsteigen kann, dass man schon früher gebaut hat, das Bild eben, in dem man diese letzten Gedanken denken möchte. Das Bild muss also wachsen, damit man in diesem Bild verschwinden kann.› und direkt daneben steht in meinen schwarzen heften janosch (in: Sacharin im Salat | Sandstrand | Polski Blues), der so viel und so weises darüber geschrieben hat und davon überzeugt ist, dass der Tod eine Tat ist: ‹Wer nicht stirbt, eh’ er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt. Du mußt den Tod lange übern. Der Tod ist kein Ereignis, sondern eine Tat. Du mußt zum Sterben gehn wie du zum Essen, zum Arbeiten gehst. Anders wirst du es nicht schaffen.› oder: ‹Und er selber, Karl, würde von sich wegschweben, hinaus aus diesem Fenster und in den Abendhimmel hinauf. Erfüllt von allem, was gewesen war und ohne jede Last. Er nahm sich vor, laut zu lachen, wenn er aus der Welt fliegen würde.› ebenso: ‹Der letzte Augenblick des Lebens muß groß und frei sein, denn was sich da ereignet, erlebst du nur einmal im Leben. Du mußt in den Tod GEHEN. Du mußt ihn ein Leben lang üben, damit er dich nicht überfällt.› und im gleichen buch beschreibt er, wie einer der protagonisten freundlich und wunderbar sterbenden menschen hilft: ‹»Als wir in das Dorf kamen, weinten die Verwundeten entsetzlich. Nicht so sehr wegen der Schmerzen, sondern aus Angst vor dem Gericht Gottes, aus Angst, sie seien unwiderruflich und für alle Ewigkeit verloren, wenn sie ohne Priester stürben. Wie viele müssen doch ohne Priester sterben, was ist das für eine Teufelei, den Menschen das Mysterium des Todes zu verderben…?« Staszek rutschte unruhig auf der Bank herum. »Weißt du, wie furchtbar es ist, die letzten Minuten seines Lebens in Furcht zu verbringen? Kann es sein, daß die letzte Stimmung die ist, welche du in die ewigen Jagdgründe mitnimmst, falls es sie gibt, und bist du dann dort in ewiger Furcht« Ich konnte das jedenfalls nicht mit ansehen und so gab ich mich als Priester aus. Zdenek war bei denn Jesuiten und kannte die Zeremonien, er war Ministrant, und ich legte mir ein weißes Tuch über den Ärmel und vergab den Sterbenden ihre Sünden. Salbte sie mit Maschinenöl, das wir für unser Motorrad hatten, und sie starben selig und voller Glück. Damals hatte ich schon begriffen, daß es nicht das Öl ist, worauf es ankommt.«›

 * und nicht zuletzt kommen wir darüber überein, dass unser sterben auch stark davon abhängt, wie wir leben ⊂ ⊃ ein letztes mal janosch (in: Sacharin im Salat): ‹»Wenn ihr nicht seid wie die Vögel, werdet ihr nicht glücklich sein.« Sie sollten einmal über das Leben der Vögel nachdenken, Herr Borowski. Sie werden ausgebrütet, sie müssen sich sozusagen kopfüber fallen lassen, aber sie stürzen nicht ab, sie essen und trinken, wenn es anfällt, nehmen Regen und Sonne an – annehmen, was da kommt, sich nicht dagegen wehren, wenn es nicht zu ändern ist (…) – sie leben mit einer ungeheuren Kraft. Fliegen mit oder gegen den Wind. Haben Sie schon gesehen, wie furchtlos Vögel sind? Wie Sperlinge oder Schwalben einen Bussard angreifen? Einen Leib ohne Eigenwilligkeiten haben, ohne Furcht leben und sterben, wie man gelebt hat, ohne Fiasko. Das ist es, Herr… Haben Sie schon gesehen, wie ein Vogel stirbt? Er geht in ein Loch in einem Baum, er sondert sich ab, er stirbt allein. Wer einen braucht, um sterben zu können, der wird zugrunde gehen, Borowski, denn er wird keinen finden.

Verfasst von: dietauschlade | 20 Juli 2015

nebenbei berlin [175]

himmelsTreppe
fünf
stufen führen
(ganz ohne leiter)
zum fleckchen blau des
himmels

Verfasst von: dietauschlade | 10 Juli 2015

mohn. miniatur.

miniMohn_
The really serious matters of life cannot be calculated.
(E.F. Schumacher: Small is Beautiful. A Study of Economics as if People Mattered.)

tatsächlich. ob sie nun groß und stark am wegesrand wächst oder zart und winzigst
klein im wilden blumenbeet – eine mohnblume büßt nichts ihrer schönheit ein.

Verfasst von: dietauschlade | 8 Juli 2015

nebenbei berlin [174]

hirschKäfer
#klick: der Hirschkäfer, der um die ecke bog.
(oder kein hirschkäfer sonder ein balkenschröter? ich kann es nicht genau sagen.)

Verfasst von: dietauschlade | 5 Juli 2015

blütenpracht.

blütenPracht2o15

Als du sehr klein warst, lebten wir einmal mit einem außergewöhnlich hässlichen kleinen Jungen zusammen, der ganz und gar nicht hässlich war. Er liebte jeden einzelnen Augenblick seines Lebens, selbst den letzten, und Schmetterlinge waren seine Freunde. (…) Außerdem war er es in gewisser Weise, der uns Dinge beibrachte. Selbst wenn er einfach nur auf dem Sofa lag. Eines Tages brachte ich ihn nach draußen, um ihm den Garten zu zeigen. Und er war hingerissen von den Blüten der Kartoffelpflanzen. Ich glaube nicht, dass er vorher schon welche gesehen hatte. Ich hatte schon Tausende gesehen, aber erst durch ihn lernte ich, sie wirklich wahrzunehmen, indem ich zusah, wie Ari eine berührte und sagte, wie wunderschön der gelbe Kelch war, wie er da auf dem cremefarbenen Stern ruhte. Er betrachtete die Dinge so hingebungsvoll. Und genauso erledigte er auch, was zu tun war, wischte zum Beispiel seinen Speichel weg, als wäre das jetzt das Einzige, was zählt. Bis der nächste Augenblick kam, und dem schenkte er dann seine rückhaltlose Aufmerksamkeit. Und er fand eine stille Freude in den meisten Augenblicken. Er ertrug, was er ertragen musste, und erfreute sich am Rest. (Keri Hulme: Steinfisch)

für mich eine besondere pracht in diesem sommer: die zarten lila blüten der kartoffelpflanzen. (und ebenso die blüten des zitronenthymians, der rauken, der bohnen und der wilden wiesenmischung!)

Verfasst von: dietauschlade | 4 Juli 2015

kräuterworkshop n°2

zweiterKräuterworkshop_weiß

Woraus entsteht, woraus erwächst denn Selbstvertrauen? Klingt es zu simpel,
wenn man sagt: aus gemeinsamer Tätigkeit, in der man die anderen und sich selbst kennenlernt?
(Christa Wolf: Der Worte Adernetz. Essays und Reden)

zweiterKräuterworkshop_weißgelb

vor einem monat fand der zweite teil des kräuterworkshops mit burkhard bohne statt. dieses mal ging es vor allem um die ernte und lagerung der kräuter. vor dem gemeinsamen ernterundgang durch den prinzessinengarten (bei diesmal herrlichem wetter), gab es wieder eine spannende theoretische einführung, bei der ich mir so manche notiz (durcheinander und unvollständig) gemacht habe:

* vor der ernte empfiehlt es sich, auf den lateinischen pflanzennamen zu achten. enthält dieser den bestandteil vulgaris oder offizinalis, kann man davon ausgehen, dass es sich um ein heilkaut handelt;

* bei der ernte sollte möglichst kein metall (lieber holz, kupfer, gold) verwendet werden;
* blätter werden (sauber und trocken) im frühsommer geerntet (möglichst bei zunehmendem mond und in den frühen morgenstunden, bevor die ätherischen öle verduften);
* blüten werden (sauber und trocken) bei vollblüte (möglichst mittags) geerntet;
* samen werden dann geerntet, wenn sie fast von selbst aus ihren schoten fallen;* wurzeln werden im herbst oder winter geerntet, wenn sich die stoffe der pflanze darin zurückgezogen haben;
* rinden (wussten sie, dass beispielsweise weidenrinde acytylsalicylsäure enthält?!) sollten ebenfalls gegen ende des jahres geerntet werden;

* zum konservieren (hier sind wir wieder beim erinnern!) können 9o% aller kräuter getrocknet werden;
* das trocknen sollte an einem warmen (25-35°C), sonnengeschützten, luftigen ort erfolgen:
° blätter am stengeln können als kräuterstrauß gebunden werden (dabei sollte man darauf achten, dass keine blätter eingequetscht werden, die dann schimmeln könnten);
° blüten oder einzelne blätter lassen sich gut auf einem gitter trocknen;
° wurzeln können auch im backofen (bei max. 42°C) getrocknet werden;
° nach dem trocknen die kräuter in dosen, dunklen gläsern oder papiertüten (nicht in stoff!) lagern;
* das einfrieren konserviert kräuter, die durch das trocknen ihr aroma verlieren würden;
* viele kräuter lassen sich auch in alkohol einlegen;
* ebenso konservieren essig oder öl die aromen;
* salz, zucker und honig können ebenfalls als ‹vorratskammern› dienen.

und wer lust hat, in drei wochen dabei zu sein – meines wissens sind noch plätze frei!

zweiterKräuterworkshop_violett

Verfasst von: dietauschlade | 3 Juli 2015

mußestunden.

freiStunden

(…) Sie Ärmste, so überarbeitet und abgehetzt. Und doch möchte ich, daß Sie mir das Geschenk machen und wenigstens einmal für zwei Stunden ins Feld gehen, spazieren und Blumen pflücken! Eine solche kleine Pause wäre Ihnen so nötig, Gedanken und Sinne zu sammeln! (Rosa Luxemburg im Gefängnis)

im schuljahresendgewusel sind zwei freistunden genau das richtige, um im angrenzenden park die beine hochzulegen, ein paar seiten im aktuellen buch weiterzulesen (und auch ein wenig die augen zuzumachen), dem wind, der in den bäumen rauscht, zu lauschen, die kleine spinne auf dem handrücken zu spüren, ein eichhörnchen zu beobachten und gedanken und sinne zu sammeln.

Older Posts »

Kategorien

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 138 Followern an