Verfasst von: dietauschlade | 31 Dezember 2012

2o13

herrHornbunk-pola

für 2o13 wünsche ich ihnen gelassenheit
und den mut einfach mal stehen zu bleiben!

Herr Hornbunk bleibt stehen

Es war Dienstag, der 23. Mai 2oo9 (7:47 Uhr), als Herr Hornbunk nicht mehr weiterging. Er hatte dies nicht geplant oder beschlossen; er blieb einfach stehen. Mitten in der Bahnhofshalle, eigentlich auf dem Weg ins Büro, blockierte er den Weg. Die Leute um ihn herum schimpften; sie mussten ihren Zug oder ihre Arbeitsstelle erreichen. Doch ihn kümmerte das nicht. Er holte seine Stulle aus der Aktentasche, stellte diese neben sich, aß sein Proviant und blieb stehen. Nach 7 Minuten fragte eine Bahnhofsmitarbeiterin, ob sie behilflich sein könnte und ging weiter als Herr Hornbunk ihre Frage verneinte. Herr Hornbunk betrachtete interessiert und amüsiert das Treiben um ihm herum. Zum ersten Mal hatte er Zeit, seine täglichen Mitreisenden genauer zu betrachten. Da war der kleine Herr mit dem karierten Hut, der fast jeden Morgen vor ihm herrannte. Jetzt wusste Herr Hornbunk warum: Der Mann musste seinen Bus noch erreichen, der genau um 7:57 Uhr vor dem Bahnhofsgebäude abfuhr. Und die Frau mit den rostfarbenen Locken, die er oft von Gleis 4 kommen sah, arbeitete bei der Bahnhofsmission.Die Geschäfte und Kioske, die sich im Bahnhofsgebäude befanden, realisierte Herr Hornbunk heute zum ersten Mal. Das immer übervolle Fastfoodrestaurant, der kleine Zeitungskiosk, dessen Besitzer bestimmt schon 75 Jahre alt war, der Süßwarenladen, vor und in dem sich überwiegend Kinder befanden und die Schusterstube, die (zwischen einem großen, grellbeleuchtetem Kleidergeschäft und einer modernen Buchhandlung von jedem Reisenden) übersehen wurde. Gegen Mittag gesellte sich ein kleines Mädchen zu Herrn Hornbunk, um mit ihm gemeinsam die Welt zu betrachten. Schon nach wenigen Augenblicken folgte ihre Mutter, nahm sie an die Hand und schleppte sie schimpfend zum Ballettunterricht weiter. Auch andere Menschen sprachen ihn an. Eine alte Frau erzählte von ihren Kindern und Enkeln, die nie Zeit für einen Besuch bei ihr hatten. Nun war sie auf dem Weg zu ihnen. Ein Syrer teilte Reiseproviant und Erzählungen aus seiner Heimat mit ihm. Herr Hornbunk probierte unbekannte Köstlichkeiten und erfuhr von Heimweh, Ungastlichkeit und Zeitmangel, die dem Fremden in Deutschland begegneten. Ein Manager hetzte enttäuscht weiter, als der Stehende ihm nicht die aktuellen Börsenkurse nennen konnte.

Langsam wurde es Abend und das Bahnhofsgebäude leerte sich. Eine Frau  sammelte mit einer Zange den Müll auf, der im Laufe des Tages auf den Boden geschmissen wurde. Sie schimpfte leise vor sich hin: „Zeit für ’ne Zigarette ham die Leute immer, aber Zeit se wegzuwerfen, die is’ nich’ da!“. Bei Herrn Hornbunk angelangt, guckte sie ihn von oben bis unten an, fragte unwirsch: „Was machen sie’n hier? Woll’n se vielleicht mitaufgeputzt werden, oder was?“ und setzte ohne eine Antwort abzuwarten ihren Weg grummelnd fort. Ein Mann in alter, dreckiger Kleidung torkelte vorbei, ließ sich an einer Wand herabgleiten und musterte Herrn Hornbunk: „Sinn’se fessenagelt? Hamse kein Hunger?“. Herr Hornbunk erklärte ihm, dass er morgens stehengeblieben sei und nicht weitergehe. Der Betrunkene nickte verstehend: „Is ja auch’s Beste so. Meine Frau ha-hat mich rausgeworfen – ging ihr alles su langsam. Beruf, Karriere. Hat mich sitzen gelassen un is su so nem Großverdiener. Hat nie Zeit für se, a-aber Geld. Woll’n se’n Schluck?“ Er hielt dem Stehenden eine Weinflasche hin, doch Herr Hornbunk schüttelte den Kopf; er wurde müde. Er schloss die Augen und fiel schnell in einen tiefen Schlaf.

Früh am nächsten Morgen wurde er von dem üblichen Treiben im Bahnhof geweckt. Geschäftsleute hasteten zu ihren Gleis ohne irgendetwas oder irgendwen zu beachten. Nur ein Blick auf den Wirtschaftsteil der Zeitung war gerade so möglich. Schulkinder liefen mit einem Buch in den Händen (um noch schnell für einen Test oder eine Arbeit zu lernen) vorbei oder ungeduldig an einem Kiosk stehend, um ein Pausenbrot zu kaufen (für welches es frühmorgens wie so oft nicht mehr gereicht hatte). Während Herr Hornbunk noch in Ruhe die Fahrgäste beobachtete, kam ein junger Mann mit Mikrofon und Aufnahmegerät zu ihm. Er führte eine Umfrage unter Bahnreisenden durch und guckte verwirrt, als Herr Hornbunk ihm ruhig – und völlig ohne Zeitdruck – seine Situation erklärte. Dass er hier seit gestern Morgen stehe, nirgends hin wolle und der Meinung sei, dass die Bahn längere Wartezeiten einrichten sollte. So könne man das Gehetze der Fahrgäste zukünftig vermeiden. Der Reporter bedankte sich und schon beim Weggehen zückte er sein Handy – irgendetwas mit „Zeit-Demonstrant“ konnte Herr Hornbunk gerade noch verstehen.

Eine halbe Stunde später sammelte sich eine immer größere Menschentraube um den (im Radio als „Sensation“ angekündigten) Stehengebliebenen. Einige Leute taten Herrn Hornbunk als Spinner und Verrückten ab, belächelten ihn spöttisch und rieten ihm, nach Hause zu gehen. Doch es kamen auch mehr und mehr Menschen, die sein Handeln befürworteten und unterstützten. Nach kurzer Zeit war die gesamte Bahnhofshalle mit Leuten gefüllt, die lautstark diskutierten und ihre Meinungen immer entschiedener vertraten: Die einen bewegten nur noch beim Sprechen den Mund, um ansonsten unbeweglich auf der Stelle zu stehen. Die anderen hüpften auf und ab, rannten in der Halle umher und machten möglichst viele Bewegungen, um ja keinen Eindruck von Ruhe zu vermitteln. Reporter, Kameramänner und Journalisten kamen, um das Treiben aufzuzeichnen. Doch als sie sich an den Auslöser dieses Theaters wenden wollten, merkten sie, dass dieser verschwunden war. Mitten im größten Aufruhr war er los- und nach Hause gegangen.

Als er am nächsten Tag seinen gewohnten Weg zur Arbeit nahm, sah er immer noch einige wenige Leute, die starr in der Wartehalle standen oder aber wild hin- und herhüpften. Herr Hornbunk lächelte, trank genüsslich einen heißen Kaffee und nahm in Ruhe einen Zug später als sonst.

Advertisements

Responses

  1. Danke gleichfaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa

    • Danke :o)
      (Herzliche Grüße und bis morgen, Ihr Lieben 2!)

  2. Schön ;o) !!!
    Ich wünsche ein frohes, gesundes und glückliches Jahr 2013 !


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: