Verfasst von: dietauschlade | 19 Januar 2015

sprachlos.

trotzdem

Hoffen wir auf bessere Zeiten schrieb mir lisa (danke♥), als sie mir ihre wundervolle birke zusandte, welche mich tröstend an luthers apfelbaum erinnert. noch immer sprach- und hilflos ob all der wirren, unruhen, schrecklichkeiten dieser zeit, lese ich bei christa wolf (Kenntlich werden in: Der Worte Adernetz. Essays und Reden, 2oo6), verknüpfe ihre worte gedanklich mit vielen anderen gesammelten schätzen, mit früher geschriebenem und überlege, was ich konkret machen kann, um Kräfte gegen Resignation und Lähmung zu wecken und Freude zu verbreiten. mit tastenden, bedachten schritten.

* Wieder Nelly Sachs, mit einem wehmütigen Lächeln: »Die Sehnsucht, glücklich zu sein, ist eben stärker, als die Sehnsucht, gut zu sein.« Welches »Glück« wird denn ersehnt? Das Glück des Konsumierens, das wir ja auch kennen? Das Glück, sich bewußtlos, kinderselig in der Flut der Ablenkungen, der Vergnügungen treiben zu lassen, die anstrengende Auseinandersetzung mit den Problemen der eigenen Existenz vermeidend? Eine Versuchung wiederum, die uns allen nicht fremd ist. Als könnten die Glückssuchenden nirgendwo Orientierung finden, als gäbe es für sie keinen Beistand, wenn sie, einer tieferen Sehnsucht folgend, »zur Person« unterwegs sind.

* Und hängt nicht mit der Sprachverarmung, die eine Gefühlsverarmung signalisiert, zusammen, was Böll beklagt: das »Nicht-wohnen-Können der Deutschen«? Was, denke ich, ein Grund dafür sein mag, daß wir Deutschen, selbst nicht heimisch, anderen das Wohnrecht in unserem Land gerne verweigern. Bis heute. Das empfindliche, das gestörte deutsche Selbstempfinden.

* Wie entsteht, woraus erwächst denn Selbstvertrauen? Klingt es zu simpel, wenn man sagt: Aus gemeinsamer Tätigkeit, in der man die anderen und sich selbst kennenlernt?

* Vernunft, das Losungswort der Aufklärer, verkommt mit dem Fortschritt der einseitig mathematisch gegründeten Naturwissenschaften zur dürren Ration. Neben der hohen Blüte von Philosophie und Literatur fehlt es an schlichter Menschlichkeit.

* Was sie, was uns zusammenhält, ist die Freude – ein Wort, das in keiner öffentlichen Verlautbarung, in keinem Produktionsplan vorkommen könnte –, die Freude, durch gemeinsame uneigennützige Tätigkeit etwas wachsen zu sehen, was seinerseits wieder Freude verbreitet.

* Träumen die, die um unseren Küchentisch sitzen, davon, daß ein Netzwerk solcher Aktivitäten von unten sich über das Land ausbreiten wird und Kräfte gegen Resignation und Lähmung weckt, die der Nährboden für dumpfe Gewaltphantasien sind? Ein soziales Netzwerk, das auch Belastungen aushalten würde? Das beste, das einzig wirksame Mittel gegen Haß und Gewalt?

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Responses

  1. Das ist eine wundervolle Sammlung, die ich noch ein paar mal lesen werde.
    In Tat zu bringen, was uns an Widerspruch zu all dem Entsetzlichen einfällt ist nicht einfach. Die Zitate sind schon ein guter Weg, ihn ins Wort zu bringen.
    Dank Dir und sei herzlich gegrüßt von
    Lisa

    • Ja, vor allem weil alle Taten oftmals so klein und unscheinbar wirken… und doch hoffe (und denke) ich, dass gerade die kleinen Leuchtfeuer auf Dauer die Dunkelheit etwas erhellen.
      Dank Dir für den Hoffnungsbaum!

  2. In deiner Sprachlosigkeit hast du wunderbare Worte zusammengebracht, und besonders das Bild vom gemeinsamen Träumen am Küchentisch hat mir gefallen.Deine Gedanken erinnern mich an ein tiefgreifendes Erlebnis, das ich hatte. Im Sommer 1964 fuhr ich mit meiner Freundin nach Amsterdam zu einem Kongress, um Martin Luther King zu erleben.Als dieser kleine grosse Mann seine Stimme erhob und uns von seinem Traum erzählte, den er für die Welt hatte, und für den er sich mit seinem Leben einsetzte und uns dazu aufrief, uns EINZUMISCHEN und uns für Gerechtigkeit einzusetzen, konnten wir seine Worte körperlich spüren, es hat unser Leben einschneidend geprägt. Und es bewegt mich heute noch. Wir müssen uns einmischen, dazwischen sein, das Salz der Erde sein! Und das alles kann mit einem Traum am Küchentisch beginnen. Danke!!
    Heute ist übrigens Martin Luther King Gedenktag!

    • Wunderbar, dass Du solch eine Erfahrungen machen und über diese langen 5o Jahre davon zehren (und diese auch teilen) konntest! Ja. Salz der Erde. Auch hier sind es die kleinen Körner…

  3. „Sicher sind auch unsere Schwierigkeiten
    das einfache ist ziemlich schwer
    Vorsicht ist in unsere Träume geschlichen
    die Maultrommel spielen wir nicht mehr
    erzählt aber von den Streiks und Aktionen
    von den Festen und von unserem Spass
    und wie allmählig die Steine tanzten
    die Mauern aus Dummheit und Hass
    und unsere Sache, unsere Sache, die steht nicht schlecht.“
    von Franz Josef Degenhardt, Komm an den Tisch unter Pflaumenbäume“

    – ich musste gleich an das Lied denken, als ich deinen letzten Absatz las.

    Heute waren in Braunschweig 8000 Menschen aller Nationalitäten und Religionen für eine bunte Welt auf der Straße – gegen ein paar Hansel, die meinen dumme Parolen verbreiten zu müssen. Das macht Mut!
    Liebe Grüße,
    mano

    • Oh, wunderbares Lied! Das höre ich mir gleich an.
      Danke!

  4. Gute Worte und kleine Gesten großzügig verschenken
    Wachsam sein

    Hoffen und Träumen

    Sich einsetzen und Mitgestalten

    http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/tandem/swr2-tandem-gott-sei-dank/-/id=8986864/nid=8986864/did=14717404/i0o0nv/index.html

    • Liebe Mamuschka, herzlichen Dank für den schönen Link!


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