Verfasst von: dietauschlade | 18 Februar 2015

7 wochen weniger…

zerstreuung2…zerstreuung.

ich mag das internet. in diesem virtuellen raum habe ich viele freundliche und inspirierende menschen kennengelernt. regelmäßig erhalte ich hier nachdenkenswerte und spannende anregungen. doch mindestens genauso oft führt dieser ort zur zerstreuung. dies in mehrfacher, wortwörtlicher hinsicht:

zum einen zerstückeln sich meine aktivitäten im netz. texte, filme, lieder, photos stehen nur noch selten für sich allein und können als ganzes, in sich geschlossenes produkt wirken. denn bereits während der rezeption schlage ich hier ein unbekanntes wort nach, klicke ich dort den nachfolgenden link, suche ich in meinen notizen nach ähnlichen zitaten und werfe immer mal wieder einen raschen blick ins postfach, auf die neusten nachrichten oder auf den aktuellsten tweet. diese unterbrochene, stückweise wahrnehmung erschwert eine vertiefende, durchdringende auseinandersetzung mit einem einzelnen fundstück. und verhindert dadurch möglicherweise eine (wie janosch es pathetisch bennennt) erleuchtung: „An was erkennt man den Erleuchteten? (…) Wenn er schläft, dann schläft er. Wenn er arbeitet, dann arbeitet er. Und wenn er ißt, dann ißt er. Sonst nichts“ (in: Polski Blues).

zum anderen zerfällt ein ganzer morgen/mittag/abend/tag in viele kleine, unzusammenhängende zeiteinheiten. sekunden, minuten, stunden, die deshalb fast unbemerkt, gefühlt ungenutzt vergehen, weil ich den inhalt oft mehr konsumiere, denn als anlass zum nachsinnen, überdenken, reagieren nehme. christa wolf formuliert (zwar in einem anderen zusammenhang, aber dennoch mit den richtigen worten): „(…) Während ich heute die Ereignisse eher von außen wahrnehme. Ich schaue zu oder lasse sie an mir vorüberziehen. Ich muss nicht persönlich dauernd darauf reagieren. Das verkürzt die Zeit“ (in: Jana Simon: Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf).

schließlich überfüllt diese zerstreuung im alltag viele lange weilen und freie räume mit unzähligen, ungefilterten, ungewählten impulsen. sie füllt leeren, die ich eigentlich benötige, um selbstgewählte themen zu durchdenken und ausgesuchte arbeiten in die tat umzusetzen. in aller ruhe und mit dem nötigen platz. inspirierend ist hier die schilderung elke krasnys (in: Architektur beginnt im Kopf) über charlotte perriand: „Die Herstellung von Ordnung, die Vermeidung von Überflüssigem und Angesammeltem, die Konzentration auf Notwendiges und Greifbares, der Versuch, auch auf kleinstem Raum ein Gefühl von Leere, von Unangeräumtheit zu ermöglichen, korrespondieren mit Perriands exakter Untersuchung alltäglicher Tätigkeiten und Abläufe als Voraussetzung für den Entwurf“.

deswegen nun der versuch, in der fastenzeit die zerstreuung zu reduzieren. um leaeren zu schaffen. für ausgewählte bücher, filme, lieder, gedanken, hand-, haus-, gartenarbeiten, aufgaben, langeweile, schlaf, briefe, besuche, spaziergänge, überraschungen. in oder außerhalb des virtuellen raumes.

Advertisements

Responses

  1. … dann wünsche ich viel Erfolg beim Gegenteil von Zerstreuung –> Sammlung und natürlich bei allem Anderen, was auf Deiner Liste steht.

  2. Wieder eine wunderbare Anregung von Dir! Sieben Wochen weniger- Zerstreuung sind eine gute Überschrift für dir Fastenzeit. Ich selbst bin grad noch ziemlich zerstreut. Danke also für die wunderbaren Zitate und Deinen Text!
    Herzlichst
    Lisa

  3. Ja, liebe Miriam, so ähnlich könnte mein Konzept für 7 Wochen ohne ( oder weniger ) aussehen. Genaue Pläne habe ich noch nicht, und GANZ ohne Internet, Medien, das ist für mich im Familienzusammenhalt nicht durchzuhalten. Aber weniger ! Drüber nachdenken und es versuchen. Ja !
    Lg Gitta

  4. Schön, liebe Mirjam, auch die Texte dazu, danke ;-). Danke auch für den vollen Umschlag mit dem liebenswerten Büchlein und den „Innereien“, die gleich wieder Sehnsucht nach Italien in mir geweckt haben… Bis bald, hab’s gut im Sammeln! Ghislana

  5. … es gibt ein wunderschönes altes wort, ich entdeckte es in dem neujahrsgedicht (1.1. 2015 dietauschlade)
    diesem wort will ich nachsinnen und verabschiede mich
    während der nächsten 7 wochen aus dem www

    für deine 7 wochen wünsche ich dir sinnerfüllte, tiefe und bleibende stunden.

    … ich schaue zu oder lasse sie an mir vorüberziehen. Ich muss nicht persönlich dauernd darauf reagieren… (in: Jana Simon: Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf).

    ein bewegendes buch!

    herzensgrüße von der mamuschka

  6. ich nenne es „mich verzetteln“ – von einem ins tausendste kommen. so manches mal viel zu viel und viel zu oft. ich denke über deine worte nach.
    hab acht auf dich!

  7. Das soll gelingen! Wünsche Dir sieben gute, „gesammelte“ Wochen! Liebe Grüße Greta

  8. […] Grokas Krativkick hat Iwan, das Problem mit diesem Bild auf den Punkt gebracht. Mirjam aus der Tauschlade hat das ausführlich beschrieben: Während man an einer Sache arbeitet, schaut man immer wieder ins […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: