Verfasst von: dietauschlade | 8 März 2015

Weltfrauentag oder: Kein Platz für Maria.

Da machte sich auch auf Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. (Lukas 2, 1-7)

maria. erst gestern habe ich sie gesehen.
sie saß in der sonne auf einem kleinen mäuerchen. in ihrem schoß ein paar nervös zerpflückte blätter. josef? schon lange weg. hat getrunken, sich nicht gekümmert und sie schließlich sitzen lassen, dort in rumänien. mit den vier kindern. irgendwann machte sie sich auf. gen westen. maria; ohne josef. aber mit den zwei kleinsten kindern. die beiden älteren bei der großmutter, die auch noch für die kinder des verstorbenen sohnes sorgt. in der großen stadt im fremden land, hat sie eine kleine herberge gefunden. monat für monat versucht sie mit dem verkauf der straßenzeitung die miete für das zimmerchen zu erwirtschaften. und das essen. und die unterstützung der beiden großen, die so entsetzlich weit weg sind. und das insulin, dass der älteste sohn tagtäglich benötigt, um zu überleben. und nun sitzt sie in der sonne. mit tränen in den augen. und blättern im schoß. man hat sie vertrieben. kein raum mehr vor dem supermarkt. vor dem sie vier jahre lang woche für woche stand und teilnahmslose blicke, spitze kommentare, manchmal ein freundliches wort, ein brötchen in der tüte oder ein paar cent mehr für die zeitung erhielt. doch nun gibt es kein raum mehr für sie. überhaupt immer weniger raum in der großen stadt. die den öffentlichen raum zugunsten der tempel verkleinert, die dem konsum huldigen und nur diejenigen willkommen heißen, die das nötige kleingeld haben. kleingeld hat sie. eine handvoll centstücke. und eine euromünze. nicht genug, um auch nur ein brot und ein stück käse in diesem großen markt zu erwerben. der kleinere, billigere laden wird es sein. und auch dort wird sie nur mit gebeugtem kopf durch die reihen gehen. um die preise kurz über dem boden entziffern zu können. sie weiß, die produkte auf augenhöhe kann sie sich nicht leisten. und während sie preise vergleicht und den einkaufskorb mit wenigem füllt, dreht sich das gedankenkarussell. und zum schwindel durch den hunger kommt der schwindel durch die sorgen. doch wie wackelig sie auch sein mag auf den müden beinen. morgen schon wird sie wieder unterwegs sein. allein. auf der suche nach raum in der stadt. maria? gestern noch habe ich sie gesehen.

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Responses

  1. Wie du die für viele Menschen so entwürdigenden himmelsschreienden Zustände kalter Berechnung und Gleichgültigkeit in so poetisch-zornige Worte fassen kannst… Sei herzlich gegrüßt in diesen Frühlingsmontag, Ghislana

  2. maria ist überall. aus dem fernsehen, aus den zeitungen, in der fußgängerzone- überall schaut sie uns an. die welt, grad unsere reiche welt, hat genug für alle, aber zu wenig für die gier. solange das goldene kalb angebetet wird, das wachstum ( für wenige, denn das ist der trick) heißt, wird sich nichts ändern. wir haben ein mitmenschlichkeitsproblm, das auf einem verteilungsproblem beruht. politik folgt schon viel zu lange der spur des geldes, nicht den bedürfnissen von menschen.
    traurig, zornig, etwas ratlos, wie immer, wenn ich darübr nachdenke, grüße ich dich von herzen
    lisa

  3. An old mans tale

    Wandering a hidden vale,
    I contemplate an old mans tale:

    ’At dawn of time, the world was young,
    Mankinds father summoned his sons:

    ’Rise your heads, behold the land!
    I leave the world at your command.
    For each of you I gathered share,
    Enough for all to spend and spare.’

    They took their leave, with spirits high,
    The hearts were light, bright was the sky.
    In awe they looked upon their own,
    Yet one face showed a fleeting frown.

    Unlike the others was each share,
    Each had its merits, each was fair.
    The world was claimed by every brother,
    They freely shared with one another

    The frowning face desired all,
    The innocent he brought to fall.
    He took by cunning and by force,
    Their heritage without remorse.’

    Nowadays I often see,
    Bereft from home and dignity,
    Our human brothers ever restless,
    They find no place among our riches.

    You took it from your brothers’ hands,
    They stand forlorn, and in the end,
    You hold your riches ever frowning,
    No joy, no peace in all your owning.

    matthew

    • Sach bloß, Du hast das selbst geschrieben?

      • Ja. Habe die Idee schon länger, dein Text hat mich motiviert, das endlich mal fertig zu machen.

        Liebe Grüße,

        matthew

      • Mensch, Brüderchen, Du bist ja voll der Dichter. (Und dann noch in solch feinem Englisch!). Chapeau und sämtliche Verneigungen.

      • :-)

      • :o*

  4. Da kann ich mich nur anschließen! (Auch wenn mein Englisch nicht ganz ausreicht, um den Text 100% zu verstehen)
    Ich werd Dich dann mal in ner stillen Stunde anrufen. :)

    • Tu das :-)

  5. […] ein paar tagen traf ich maria auf der straße. sie erzählte, dass sie keinen neuen platz gefunden habe. ab und zu stellt sie […]

  6. […] freundlichen gesichter in der manchmal so unwirtlichen stadt und eure lichter im fenster für eine beladene […]


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