Verfasst von: dietauschlade | 6 April 2015

städte für menschen

städtefürMenschen

vor kurzem lud mich die unbekannte nachbarin ein, mit ihr zu einem vortrag von jan gehl zu gehen. der mir bis dato noch unbekannte dänische architekt und stadtplaner veröffentlichte jüngst sein neustes buch und stellte dies vor. die lieblingsbuchhandlung hatte sein erstes werk erfreulicherweise vorrätig, so dass ich mich im vorfeld ins thema einlesen konnte. der abend selbst war sowohl spannend als auch sehr unterhaltsam. und ich war erneut fasziniert, wie sich erinnertes|notiertes aus lektüre, pressegespräch* und vortrag ganz wunderbar mit meinen gesammelten lektüreschätzen aus den schwarzen heften verknüpfen und mich weiter (und weiter und weiter) denken lässt. ein paar kostproben habe ich ihnen mitgebracht. genießen sie das, was sie anspricht:

architektur ist interaktion zwischen leben und form (bauwerke sind keine reinen skulpturen)! (jg) ⊂ ⊃ Gestaltplanung soll ja immer Lebensvorgänge fördern und intakt halten und darf daher nicht starr oder nur für die Anwendung auf gleichbleibende Situationen bestimmt sein. (Richard Neutra: Gestaltete Umwelt.)

da sich menschen und ihre bedürfnisse nicht ändern, sollten sich auch die architektonischen und stadtplanerischen maßstäbe nicht ändern. (zurück) zum menschlichen maßstab! (jg) ⊂ ⊃ I have no doubt that it is possible to give a new direction to technological development, a direction that shall lead it back to the real needs of man, and that also means: to the actual size of man. Man is small, and, therefore, small is beautiful. (E.F. Schumacher: Small is Beautiful. A Study of  Economics as if People Mattered.)  Wer vertritt eigentlich die künftigen Bewohner von Hook? Die Frage ist wohl berechtigt, wenn man an unsere restaurierten und gedunsenen Städte denkt, an denen man ablesen kann, wohin Planung führt, wenn sie ohne den stattfindet, für dessen Bedürfnisse sie unternommen wird. Der Zustand ist dann eigentlich gar nicht so sehr verschieden von der Lage in totalitär regierten Ländern, in denen Gewünschtes zuweilen für lange Zeit ganz fehlt, dafür Unbrauchbares in Massen vorhanden ist. (Alexander Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden.)  

städte, die von automobilen erobert wurden, erkennt man an breiten, großplakatierten straßen. details und menschen findet man nicht (mehr). (jg) ⊂  ⊃ Was Amerika zu bieten hat: Komfort, die beste Installation der Welt, ready for use, die Welt als amerikanisiertes Vakuum, wo sie hinkommen, alles wird Highway, die Welt als Plakat-Wand zu beiden Seiten, ihre Städte, die keine sind, Illumination, am anderen Morgen sieht man die leeren Gerüste, Klimbim, infantil, Reklame für Optimismus als Neon-Tapete vor der Nacht und vor dem Tod – (Max Frisch: Homo Faber.)  (…) keine Demokratie der Menschenrechte, sondern eine Demokratie, die den Besitz und den Konsum schütze. Den Überkonsum inzwischen – der werde benötigt, um das Räderwerk der Ökonomie am Laufen zu halten. Dafür müsse man massenhaft falsche Bedürfnisse unterstützen oder wecken: Freie Fahrt für freie Bürger!, praktisch ein Werbespruch für Mercedes als Wahlspruch für die Freiheit überhaupt. (Christa Wolf: Ein Tag im Jahr.) 

städte sollten lebendig, lebenswert, nachhaltig und gesundheitsfördernd sein. «Animate people to walk and to bicycle!» (jg) ⊂  ⊃ Wir sollten die Rehabilitierung des menschlichen Gehens wo immer möglich begünstigen. Gehen ist das ursprüngliche Mittel jenes lokomotorischen Selbstausdrucks, für den mit Recht biologische Wichtigkeit in Anspruch genommen worden ist. (Richard Neutra: Gestalte Umwelt.)  Kann man richtig sehen, ohne zu gehen? Kann man gut gärtnern, ohne zu sehen und zu gehen? Das Auge schafft zwar die Perspektive, doch das Gehen erst verleiht ihr Leben. (Érik Orsenna: Portrait eines glücklichen Menschen. Der Gärtner von Versailles.  Die Art und Weise, wie wir einen Ort kennen lernen, erschafft ein Bild in unserem Kopf und formt unsere Vorstellung von ihm. Ich glaube, dass unser erstes Verständnis eines Ortes während unserer Bewegung hindurch entsteht – zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder Autos, vielleicht sogar per Schiff oder in der Luft. (Lisa Dietrich: Hometowns in: Stadtaspekte n°o1) Straße oder Wege werden als Erlebnispotenzial, als Zeitstruktur diskutiert. (Elke Krasny über The Jerde Partnership in: Architektur beginnt im Kopf)  

es ist allerdings wesentlich einfacher alte städte ‹aufzuräumen› (die zwischenezitlich von autos erobert wurden), als städte von grund auf neu zu planen und zu bauen. (jg) ⊂ ⊃ Jetzt nehmen wir einmal an, die Wände eines Zimmers hätten alle Situationen, die sich in diesem Zimmer ereigneten, gespeichert. Wie ein Film. Festgehalten. Oder die Wände eines Hauses. Die Möbel, alle Gegenstände täten das. Man müßte dann nur die Methode finden, diese gespeicherten Situationen wieder sichtbar zu machen. Beim Film ist es die Entwicklung. (…) Das Material, aus dem die sogenannten modernen Architekten jetzt Häuser bauen, nämlich aus Beton, nimmt nichts auf. Man wird bald horrende Preise für alte Häuser und Wohnungen zahlen (…). (Janosch: Sanstrand) Hier auf diesem Platz wurde Weltgeschichte geschrieben, hier wurden Ereignisse ins Gedächtnis der Menschen eingraviert – und wieder getilgt. (Jostein Gaarder: Das Kartengeheimnis.) Aber das Wichtigste: eine Stadt ist – physiologisch und psychologisch – ein Phänomen innerhalb eines vierdimensionalen Kontinuums. Ihre Lebensvorgänge entwickeln sich in der Zeit und unterwaschen stetig das so geliebte planimetrische Schema, bis manchmal die einstige streng formale Logik eine fragwürdige Ruine wird oder vielleicht nicht mehr zu erkennen ist. (Richard Neutra: Gestaltete Umwelt.) 

mehr öffentliches leben und mehr öffentliche plätze führen zu besserem zusammenleben. (jg) Mag der öffentliche Raum auch vieles verbinden, was ansonsten unverbunden bliebe, tritt doch die alte Frage auf, ob und wie aus Gemeinschaft Gesellschaft wird und ob der urbane Wandel zurückwirft auf die politische Realität. (…) Mit Zuversicht betrachtet, könnte man meinen, das wachsende Interesse an urbaner Geselligkeit belebe nicht nur die Stadt, sondern auch das Allgemeinwesen als Ganzes. Und manche lassen sich gar von der Hoffnung tragen, im öffentlichen Raum könne tatsächlich eine andere, bessere Öffentlichkeit entstehen. Von solchen politischen Idealen war die klassische Vorstellung der urbs über lange Zeit geprägt. Hier, auf den Plätzen und Straßen, sollte die Gesellschaft ihrer selbst ansichtig werden. Hier sollte sie über ihr Wollen und Wirken befinden, ihre gemeinsamen politischen und sozialen Ziele aushandeln. Es war eine hehre, eine utopische Idee; in der Digitalmoderne scheint sie in den Horizont des Möglichen zurückzukehren. (Hanno Rauterberg: Wir sind die Stadt! Urbanes Leben in der Digitalmoderne) Zu lange hatten [die Männer] die Menschheit in zwei Sphären aufgeteilt: Sie besetzten den öffentlichen Raum, während den Frauen nur der private Raum in der Familie zugestanden wurde. Für viele Männer, egal welcher politischen Couleur, war jede Hure eine öffentliche Frau und jede in der Öffentlichkeit agierende Frau eine Hure. (Ute Scheub: Verrückt nach Leben. Berliner Szenen in den zwanziger Jahren.)  Wir, eine Armee von Millionen und Abermillionen Frauen, die wir unsere Kräfte in den Dienst der Allgemeinheit stellen so gut wie der Mann, verlangen unser Recht, an der Gestaltung der Allgemeinheit mitzuarbeiten. (Llly Braun zit. von Ute Gerhard: Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung.)  

auf den öffentlichen plätzen findet die durchmischung der heterogenen (und doch so oft in ihren kiezen verharrenden) stadtbevölkerung statt. (jg) ⊂ ⊃ Wir bewahren diese Ruine als Mahnmal, das uns daran erinnern soll, dass Mauern den Blick versperren und misstrauisch machen, sodass man auf der anderen Seite die Bedrohung, das Böse vermutet. Darum sind die Wände bei uns beweglich und durchsichtig, zumindest transparent. (Elias Barceló: Von der Mauer zu den Sternen.)  Imagine a world without cities. It would be a world without any culture, without any civilisation. Nothing would have happened because all major advances always take place in cities. They are a meeting point, a gathering place, the site where people meet and things happen. (Ricardo Bofill in: apartamento #11)     Ich ließ mich treiben von diesem London der Bengalen, Rastas, Pakistani, Inder. Sie hatten Inseln, Wüsten, Berge hinter sich gelassen, hatten tiefe Flüsse und Ozeane überquert, um in diesem London der alten Backsteinhäuser, kleinen Straßen und engen Hintergärten eine neue Bleibe zu finden. In harter, zäher Arbeit hatten sie sich London Stück für Stück zur neuen Heimat gemacht. (Yadé Kara: Cafe Cyprus)   He gestured to the computer monitor behind him, and on it was a log of the calls ongoing in all twelve booths: Colombia, Egypt, Senegal, Brazil, France, Germany. It looked like fiction, that such a small group of people really could be making calls to such a wide spectrum of places. It’s been like this for the past two days, Farouq said, and this is one of the things I enjoy about working here. It’s a test case of what I believe; people can live together but still keep their own values intact. Seeing this crowd of individuals from different places, it appeals to the human side of me, and the intellecutal side of me. (Teju Cole: Open City.)  

privatisiertes leben (d.h. dass alles – objekte, dienstleistungen – kaufbar ist) wird vom markt idealisiert, doch menschen brauchen menschen: «Life and people is the greatest attraction of cities.» (jg) ⊂ (…) Diese Auffassung konnte leicht aufkommen, als das Wort »Profit« aufhörte, »Gewinn für die Seele« zu bedeuten (wie in der Bibel und auch noch bei Spinoza), und statt dessen materiellen, finanziellen Gewinn bezeichnete. Dies geschah in jener Epoche, als das Bürgertum nicht nur seine politischen Fesseln abwarf, sondern auch alle Bande der Liebe und Solidarität, und zu glauben begann, wer nur für sich selbst sei, sei mehr er selbst, nicht weniger. (Erich Fromm: Haben oder Sein) In a sense, the market is the institutionalisation of individualism and non-responsability. Neither buyer nor seller is responsible for anything but himself. (E.F. Schumacher: Small is Beautiful. A Study of  Economics as if People Mattered.)  Der Mensch ist ein Sozialwesen; »Nachbarschaft« aber, so sagt Elisabeth Pfeil, muß immer funktional gesehen werden; nur wo man auf den Nachbarn angewiesen ist, macht man von ihm als Nachbarn Gebrauch. In unseren Städten wird aber jede Anstrengung zur kommunikationslosen Bedürfnisbefriedigung unternommen. Die vollendete Auflösung der städtischen Gesellung spiegelt sich in dem Wort »Selbstbedienung«. (Alexander Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden.) In der Straßenbahn sucht ein älteres Ehepaar in allen Taschen verzweifelt nach dem Groschen, der den beiden fehlt, um die Fahrscheine kaufen zu können. Sie haben sich beim Einkaufen verausgabt. Ich biete der Frau den Groschen an. Große Verlegenheit: Ach nein, ach nein, sie könnten ja auch laufen. Schließlich nimmt der Mann den Groschen, unter Beteuerungen, wie peinlich es ihm sei. So was ist wohl nur bei uns Deutschen möglich, denke ich. (Christa Wolf: Ein Tag im Jahr.) 

*sollten sie jemals zu früh zu einer veranstaltung kommen und spontan fragen, ob sie nicht einfach dem pressegespräch beiwohnen können – denken sie daran, dass ein pressegespräch keine  pressekonferenz ist. und sie plötzlich nur mit dem befragten, zwei ‹richtigen› journalistinnen sowie der dame des verlags an einem tisch sitzen könnten… ;o)

Advertisements

Responses

  1. Ich lese gerade meine Lieblingsblogs nach… Großartige Zusammenschau, liebe Mirjam! Komme gerade von der Insel Hiddensee, wo keine Autos fahren, wie gut. Zurück über die Insel Rügen, dann wieder mit dem Auto über die Straßen, standen wir in einem Stau, neuem, weiterem Straßenausbau geschuldet… An eine Mauer stand geschrieben: „Wer Straßen baut, wird Verkehr ernten…“ Wie gut, dass du in der Stadt so viele kleine Früchtchen (an)baust ;-) Lieben Gruß, auch von „meiner“ Blaumeise, die sich hinterm Schlafzimmerfenster ins Häuschen eingenistet hat, Ghislana

    • Herzlichen Dank, Ghislana! Schön, dass Du wieder gut zurück bist und sogar ein passendes Fundstück mitgebracht hast!
      Liebste Grüße zurück und ebensolche an die Blaumeise hinterm Schlafzimmerfenster! Mirjam

  2. Liebe Mirjam,

    ich habe mir endlich mal die Zeit genommen, endlich mal diesen langen Eintrag zu lesen. Das Thema Stadt hat mich nie sonderlich interessiert und ich finde es jetzt umso bemerkenswerter, wie sehr sich Menschen mit dem Thema befassen und welch eine Tiefe dahinter steckt. Sehr gute und kluge Gedanken die du da zusammengestellt hast. Dankeschön.

    matthew

    PS.: Zum letzten Zitat von Christe Wolf: Neulich im Zug hatte ein Jugendlicher etwas zu wenig Geld für die Fahrkarte, es reichte nur für einen Teil der Strecke, da habe ich ihm mit einem Euro ausgeholfen. Er hat sich weit weniger geziert als das ältere Ehepaar.

    • Guten Abend, Bruderherz! Ich ziehe meinen Hut ob Deines Durchhaltevermögens! Es ist wohl tatsächlich der längste Post (auch bezüglich der Erarbeitungszeit) der Tauschlade. Es freut mich, dass er Dir gefallen hat! Liebste Grüße! dieSör
      PS Schön, dass Du dem Jugendlichen ausgeholfen (und er sich nicht so geziert) ha(s)t!

  3. […] das ‹tanzende punkthaus› [5], welches mich direkt an ein zitat von jan gehl (in: Städte für Menschen) denken […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: