Verfasst von: dietauschlade | 21 Juni 2015

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neben der radikal modernen-aussellung beherbergt die berlinische galerie derzeit auch arbeiten und installationen von björn dahlem. die filigranen skulpturen aus alltäglichen (und in ihrer kombination plötzlich doch nicht mehr so profanen) materialien erfreuen das auge. besonders angetan haben es mir dabei die Wolke (Radar), die trotz ecken und kanten aus metall, frei und leicht im raum schwebt [9]; das Phasendiagramm (Kristallogie) [13], dessen ‚einfach so herumhängender‘ tannenzapfen, sich auch irgendwo in pettersons wohnung wiederfinden könnte; die installation Asymptote [7+8] mit ihren organisch-metallischen materialien und der messinglinie, die mich an eine halbe stimmgabel (oder einen fliegenden kranich) erinnert (und bei der ich mich die ganze zeit fragte: was ist|sind eigentlich asymptote?!); und ebenso Lunar Escape Orbits [6], bei dem es mir unmöglich ist, einen passenden winkel zu finden, um den weg, welchen dieser übermütige mond (?!) genommen hat, einzufangen.

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gleichzeitig mag ich seinen ansatz
Dahlems Werke basieren auf der Überzeugung, dass auch naturwissenschaftliche Verfahren nicht in der Lage sind, die Wirklichkeit umfassend begreiflich zu machen. Daraus entwickelt er in so verschiedenen Medien wie Zeichnung, Video, Skulptur und Installation eine ganz eigene Art der Auseinandersetzung mit Mikro- und Makrokosmos. Sie ermöglicht einen individuellen Zugang zu diesen zentralen Themen der Menschheit, der jenseits der aufklärerischen Idee von absoluten Wahrheiten angesiedelt ist: Dahlems Arbeiten schaffen neue Denkräume, die auch Ungewissheit aushalten. (aus dem Begleitzettel zur Ausstellung)

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…den ich auch bei anderen künstler|innen, schriftsteller|innen und wissenschaftler|innen (und auch immer wieder in meinem eigenen denken & tun) entdeckt habe:

* Wissenschaftsproduktion bedeutet demnach Interaktion, Eingreifen und Verändern; Handlungsfähigkeit und Verantwortung stehen im Vordergrund, verbunden mit einer Kritik an Vorstellungen von einer entkörperlichten, freischwebenden Objektivität und Wahrheitsansprüchen. (Bettina Haidinger/ Käthe Knittler: Feministische Ökonomie)

* Doch bei diesem Spiel warst Du immer im Vorteil. Du hattest keine Erkenntnistheorie nötig, um zu wissen, dass es ohne Intuitionen und Affekte weder Verstand noch Sinn gibt. Deine Urteile erhoben unbeirrt Anspruch auf die Grundlage ihrer erlebten Gewissheit, die sich zwar kommunizieren, aber nicht beweisen lässt. (André Gorz: Brief an D.)

*Es ist die Spannung zwischen »Realität« – das, was wir sehen, hören, riechen, tasten können – und »Wirklichkeit«, das Immaterielle, Geistige, das unsichtbar, doch mächtig wirkt. Diese Spannung hat Ulla Berkéwicz in ihren Büchern früh spüren lassen. Sie hat ihre Figuren, oder, zumeist, die Erzählerin, in den Zwiespalt gestellt zwischen der Aufklärung – der Erhellung des Geistes durch Vernunft – und der dürren Ratio, zu der die Aufklärung vielerorts geschrumpft ist, die als wahr nur nimmt, was errechen- und meßbar ist. (Christa Wolf: Rede, daß ich dich sehe)

* Entwerfen heißt nicht »sich vorstellen« oder »phantasieren« in dem gängigen Sinne, sich die Realität im eigenen Geist zu schaffen. Entwerfen ist vielmehr ein Prozeß, etwas über die Realität herauszufinden und auszudrücken, nämlich über eine Beziehung, die wir bereits kennen, über eine Beziehung zwischen uns selbst und dem, was wir entwerfen. (…) Entwerfen heißt die Realität als beziehungshaft darzustellen. (…) Die kreativste Theologie ist diejenige, die ohne Skrupel und Stolz bekennt, daß das Entwerfen, die symbolische Sprache, zur Natur ihrer Arbeit gehört. Ich tue nicht so, als ob ich die menschliche oder göttliche Natur empirisch zergliedern könnte. Das will ich auch nicht. Ich will die beziehungshafte Qualität dessen, was ich erfahre, nicht dadurch verlieren, daß ich Teile der Realität in Begriffskästchen stopfe und durch Etiketten und Definitionen das Differenzieren verhindere. (Carter Heyward: Und sie rührte sein Kleid an. Eine feministische Theologie der Beziehung)

* Ein Architekt kann, wie andere Künstler auch, niemals etwas beweisen, wenigstens nicht im strengen Sinne des Wortes. Es muß, was er tut, sich langsam selbst für andere als nützlich erweisen. (Richard Neutra: Gestaltete Umwelt)

* Aus der traurigen und aussichtslosen Lage, zwischen allen Stühlen zu sitzen, hat sich [Richard Buckminster] Fuller dadurch befreit, daß er sich zwischen ihnen zu bewegen gelernt hatte: sie umkreisend und erfahrend hatte er den einen mit dem anderen Platz verknüpft und schließlich alle in ein umfassendes Beziehungsnetz seiner Gedankengänge eingesponnen. Und das wollte er zuallererst sein: ein Komprehensivist, einer, der versucht, umfassend und ganzheitlich zu denken. (Joachim Krausse über RBM in: Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde und andere Schriften)

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Responses

  1. Le petit œuf de caille, stoïque sur son socle, est encore plus joli qu’en vrai! Merci pour ton regard tout en délicatesse sur cette expo!

  2. Quelle belle description „stoïque sur son socle“ :o)
    Merci!

  3. Wow, was für eine tolle Zitatesammlung wieder zum Thema. Muss ich noch ein paarmal wieder und wieder lesen. Danke!
    Sei herzlich gegrüßt von Lisa

    • Danke. Gerne :o)
      Herzliche Grüße zurück!
      Mirjam


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