Verfasst von: dietauschlade | 28 Juni 2015

slices of time. oder: woran knüpfen sich erinnerungen?

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woran knüpfen sich erinnerungen?

an einen geschmack oder an ein gericht
Ein anderes berühmtes Beispiel für die Beschwörung von Erinnerung durch ein scheinbar unwesentliches, beliebiges Fundstück ist die Beschreibung Marcel Prousts im ersten Teil seiner Suche nach der verlorenen Zeit: wie der Geschmack eines Sandtörtchens, einer sogenannten »Petite Madeleine«, dem Protagonisten die verloren geglaubte Ansicht seines Kindheitsortes Combray in der Woge eines Glücksgefühls heraufruft (…). (Christa Wolf: Rede, daß ich dich sehe)

an einen geruch
Bücher, die man in der Nähe der Regale von altmuffigen Gymnasialbibliotheken liest, haben Geruchsmomente an sich, die man gefühlsmäßig mit jenen frühen Literaturerfahrungen assoziiert. Gerade Schulgerüche – wie übrigens auch manche andere Gerüche – werden im tiefinnerster Erinnerung bewahrt und im späteren Leben oft schneller wiedererkannt, als visuelle Eindrücke von der mit ihnen verbundenen Architektur. (Richard Neutra: Gestaltete Umwelt)

an worte
Now I don’t remember the exact words of any of them anymore, it’s been to long, but I need only the environment created by the poems. Just one or two lines, like a little hook (…) just one or two, and that’s enough to snag everything, what the poem says, what it means. Everything follows the hook. (Teju Cole: Open City)

an gegenstände
BRINGEN SIE SOUVENIRS MIT? Keine Souvenirs, die mich ans Erinnern erinnern sollen. Aber es gibt manchmal Gegenstände, die an mir hängen bleiben. Eine Streichholzschachtel auf der ein Boxer zu sehen ist, Papier aus Elefantendung, Afrikanische Friseurwerbung. (Roger Willemsen in: FROH! Unterwegs.)

an handschriften
But sitting on this train so far away form the cocoon of her study, I now saw that my mother’s writing was not a given, but the result of a life lived. These familiar flicks of the wrist had been honed by a thousand little influences: school teachers, childhood poetry sessions, failed scientific ventures, maybe even love letters. (Reif Larsen: The selected works of T.S. Spivet)

an szenerien
(…) den Schlüssel schon im Autoschloß, richte ich mich noch einmal auf und blicke mich um. Das alte Haus mit seinem roten Stein, der grünen Tür, den weißen Fensterumrandungen, die übrigens gestrichen werden müßten. Die verschieden großen Linden rechts und links vom Eingang, die gerade anfangen sich zu verfärben. Der inzwischen dunkelgraue Himmel darüber. Seit einiger Zeit lege ich mir bewußt einen Vorrat solcher Bilder an, eine Art Wegzehrung für schlechtere Tage. (Christa Wolf: Ein Tag im Jahr. 196o-2ooo)

an farben, formen, klänge, gefühle, orte, bilder, jahreszeiten, pflanzen, bücher, personen,…

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die künstlerin barbara cousin setzt sich mit dieser und anknüpfenden fragen auseinander. in bildern und installationen verpackt sie

*persönliche erinnerungen. wie bei den 64 tamarindensamen [my beloved tamarind 3;9], die sie auf je einen vergoldeten sockel gestellt und über die sie goldgerahmte tamarindenfasern gehängt hat. erinnerung an das gemeinsame essen mit einem freund.

*nimmt fremde erinnerungen unter die lupe und mit eigenen spuren versehen in ihr werk auf. wie bei den gerahmten photographien vom flohmarkt [I remember that meal 2;1o], in denen sie einzelne elemente (wiedererkennt?! und) farbig markiert hervorhebt.

*und ruft bei den betrachter|innen wiederum eigene erinnerungen hervor. wie bei den buntbefüllten gläsern an der wand [The colors of childhood 1;8], die bei mir den sommergeschmack von sirop de grenadine, wassereis und guimauve hervorrufen.

auch ohne das kindheitserinnerungen beschwörende französische buffet der vernissage (zu der mich l’amie glücklicherweise mitnahm), lohnt sich ein besuch der kleinen, aber sehr feinen ausstellung slices of time (noch bis zum 15.8. in dem französisch-deutschen antiquariat raum b zu sehen)!

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Responses

  1. anknüpfen ist auch wieder so ein schönes Wort!
    Ich habe noch eine Art zu erinnern: die Haptik. Wenn ich z.B. eine LP, also eine echte Langspielplatte, aus ihrer weißen Innenhülle gleiten lasse, bin ich wieder das fünfjährige Mädchen, das seine Rotkäppchen Schallplatte aus ihrer Hülle nimmt und auf den alten Dual- Plattenspieler legt. Voller Vorfreude und gruseliger Spannung ob der Stelle, an der der Wolf…..
    Diese körperlich spürbare Erinnerung wird schon durch das Berühren eines Schallplattencovers ausgelöst.
    Dank für den wieder so bereichernden Post!
    Herzliche Grüße von der Leine!
    Lisa

  2. ja, das stimmt. diese art erinnerungen kenne ich auch:

    *der grob gewebte stoff der wohnzimmermöbel, die damals wohl mit oder kurz nach mir einzogen.
    *die füße in heißem sand, die mich direkt vor unser haus in kamerun zurückversetzen.
    *das durchstreifen der walderdbeerpflänzchen mit der rechten hand. auf der suche nach versteckten früchten. wie stets bei ömchenbesuchen.
    *…

    herzlichen dank, für’s anregende weiterspinnen
    (um mal im textilen vokabular zu bleiben)

  3. Merci pour la jolie citation de R. Larsen, tellement dans l’esprit de ce vernissage… je garde pour ma part un souvenir sucré de cette soirée, un début d’été où il faisait bon flâner en prolongeant les conversations complices… Vivement la prochaine!!

  4. woran sich meine erinnerungen knüpfen…

    Geschmack
    Da fällt mir sofort der Geschmack von Fleischwurst ein, dick abgeschnitten, von der Metzgersfrau um die Ecke.

    Geruch
    Der Geruch von Fensterkitt, wenn mein Vater in den Sommerferien am Haus werkelte.

    Worte
    …das erste Wort meiner Ältesten „Bapa“

    Gegenstände und Handschriften
    …die vergoldete Armbanduhr meiner Mutter (eine Freundin hatte meine Mutter, sie, ein junges Mädchen noch, überredet, ihr Geld anzulegen, „bevor es überhaupt nichts mehr Wert ist“). Meine Mutter trug die Uhr später nie, verwahrte sie in einem einfachen Pappkistchen mit der Aufschrift: „Uhr und Armband gehört Gitte“

    Von den vielen handschriftlichen Briefen meiner Mutter, hole ich dann und wann einen heraus. Lese. Staune über ihre Poesie. Bin dankbar.

    Szenerie
    …der Schrat, Matthew und ich, jeder in seinem dicken Schlafsack verpackt, oben in den Schweizer Bergen, den Sternenhimmel betrachtend…
    Staunend lausche ich dem astronomischen Wissen meines Sohnes.

    So, oder ähnlich, hätten wir Beide philosophiert, auf dem Rückweg, wenn wir die kleine Ausstellung gemeinsam besucht hätten…

    Wärmste Grüße aus der Heimat!

    Mamuschka

    • ‚astronomisch‘ liebe Mama.

      Schoene Gedanken, wie immer tiefgruendig und weise.

      matthew

      • hihi, ihr zwei süßen :o)

  5. Natuerlich auch an dich, Schwesterherz, schoene Zitate und Gedanken ausgewaehlt und gelungen in Verbindung miteinander gebracht.

    Liebe Gruesse,

    matthew

  6. ein campingplatz an der französischen atlantikküste vor 40 jahren – man wusch sich an steinernen becken im freien. ich hatte eine flüssigseife dabei, die ich später lange zeit benutzte, weil ich bei ihrem duft sofort wieder an diesem ort unter pinienbäumen war. irgendwann änderte die firma den duftstoff und seither war ich leider nicht mehr dort. schade, so schade!
    ein wunderbarer post, liebe mirjam!

    • der kommentar eben war nicht anonym, sondern von mir – mano!

      • kleine ergänzung:
        das wort „bauersfrau“ war das erste zweisilbige wort unserer tochter mit ca 18 monaten. ich liebe es noch heute!

      • das ist aber auch ein herrliches wort.
        welch schöne erinnerung!

    • deine worte haben mich gerade auch in den französischen süden getragen. unter pinien- (und feigen-) bäume… danke!

  7. […] zum konservieren (hier sind wir wieder beim erinnern!) können 9o% aller kräuter getrocknet werden; * das trocknen sollte an einem warmen (25-35°C), […]


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