Verfasst von: dietauschlade | 22 Juli 2015

rezension: An meinen toten Vater.

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Daß der Gedankenstrahl die Zeitschichten rückblickend und vorausblickend durchdringen kann, erscheint mir als ein Wunder, und das Erzählen hat an diesem Wunder teil, weil wir anders, ohne die wohltätige Gabe des Erzählens, nicht überlebt hätten und nicht überleben könnten. (Christa Wolf: Stadt der Engel)

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wie erzählt man vom plötzlichen tod eines geliebten menschen? wie erinnert, verarbeitet, durch- und überlebt man, wenn raum und zeit in anbetracht solch eines ereignis ins wanken geraten?

Die Zeit ist aus den Fugen, Papa.
(gerahmtes Zitat im Warteraum)

im februar 2o11 erfährt der schauspieler holger foest, dass sein vater in den französischen alpen abgestürzt ist. gemeinsam mit seiner kollegin marie rodewald nimmt er diesen tragischen verlust als anlass, den tod aus dem autobiographischen heraus als permanente option zu beschreiben. vergangene woche wurde die letzte aufführung dieses live features in einem alten bürogebäude in oberschöneweide gezeigt. zunächst in einem kleinen warteraum empfangen (dessen möbel mich an ich heiße anna erinnerten – doch mit kleinen details versehen an das aktuelle stück heranführten), wurden die elf zuschauer|innen mit je einem kopfhören samt mp3-player ausgestattet und in den fast kahlen aufführungsraum geführt. in einer reihe an der wand, den beiden schauspielern holger foest und lothar krüger direkt gegenüber, hörten wir (jede|r für sich) und sahen wir (gemeinsam) die bewegende innenschau eines trauernden menschen. sehr gut und wichtig fand ich das nachgespräch. szenen der aufführung wurden in erinnerung gerufen, mit eigenen gedanken, erlebnissen und fragen an die anwesenden verknüpft. ein paar dieser informationen, anmerkungen und fragen habe ich mir notiert, um sie hier für zu verknüpfen und weiter zu denken.

* die leiterin eines hospizdienstes erzählt, dass der icd die trauerzeit beim verlust eines nahen menschen auf wenige wochen verkürzt. überwiegt die trauer nach diesem zeitraum, soll eine depression festgestellt und behandelt werden. ⊂ ⊃ individuelle frei- und zeiträume spielen keine rolle mehr. das leben wird nicht mehr als gestalt wahrgenommen, die durch ereignisse gewandelt, geformt und geprägt wird, sondern nur als summe möglichst effektiver einheiten. max frisch bringt dies (in: Homo Faber) auf den punkt: ‹Mein Irrtum: daß wir Techniker versuchen, ohne den Tod zu leben. Wörtlich: Du behandelst das Leben nicht als Gestalt, sondern als bloße Addition, daher kein Verhältnis zur Zeit, weil kein Verhältnis zum Tod. Leben sei Gestalt in der Zeit. (…) Leben ist nicht Stoff, nicht mit Technik zu bewältigen.› und so darf auch nur noch innerhalb eines (von außenstehenden normierten und standardisierten) zeitrahmens getrauert werden. wie anders beschreibt dies janosch (in: Sandstrand): ‹Als der Zug abfuhr, hingen einige Bauern, die Mutter und die Schwestern eines Jungen an der Tür des Waggons, als wollten sie den Zug mit ihren Händen festhalten; sie heulten und schrien; offensichtlich brachten sie den Jungen weg von zu Haus und von seiner Kindheit auf den Weg ins Leben. Als ob es für immer wäre. Die Mutter klammerte sich mit den Fäusten, in denen sie ein weißes Tuch hielt, an die Tür, ans Fenster, und als der Zug sich in Bewegung setzte, mußte der Vater sie herunterzerren. Die Schwestern schrien, und nur der Vater versuchte, sich zu beherrschen, drückte wohl einmal mit dem Finger gegen das Auge, sagte aber nichts. Und hier änderte der alte Karl seine Meinung über die Italiener. (…) Denn auf dem Bahnhof war keiner, der diese Verzweiflung nicht respektierte, der die Distanz nicht wahrte; sie haben nicht einmal durch Blicke diesen Freiraum überschritten, der dem Menschen zusteht, wenn er sich vor aller Welt nackt und so wie er ist, zeigen muß.›

* auf die frage, wie sich die zeit-raum-wahrnehmung während der trauer verändert, erzählt jemand, dass trauernde in mehreren zeit-räumen leben. ⊂ ⊃ und vielleicht ist das genau die richtige art, zeit und raum zu erleben. als jakob hein (in: Vielleicht ist es sogar schön) über den tod seiner mutter schreibt, zitiert er kurt vonnegut: ‹Alle Momente, die vergangenen, die gegenwärtigen und die zukünftigen, haben immer existiert, werden immer existieren. Die Tralfamadorianer können auf diese Momente blicken, so wie wir auf das Panorama der Rocky Mountains blicken können, zum Beispiel. Sie können sehen, wie bleibend all diese Momente sind und sie können auf jeden Moment blicken, der sie interessiert. es ist nur eine Illusion, die wir hier auf der Erde haben, dass ein Moment auf den anderen folgt, wie Perlen auf einer Schnur, und dass, wenn dieser Moment vergangen ist, er für immer vorbei ist.› janosch schreibt (in: Sacharin im Salat) ganz ähnliches: ‹Die Zeit erscheint uns, als ob sie wie eine Schnur von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft in einer Richtung verliefe, aber so ist es nicht. Du mußt sie dir wir einen Raum vorstellen, in dem alles gleichzeitig ist: die Gegenwart und die Zukunft und die Vergangenheit, aber du kannst dich nur an einem Punkt befinden, und der erscheint dir als Gegenwart. Der Mensch könnte einen Zustand erreichen, in welchem er sich in diesem Raum bewegen kann.›

* die frage kommt auf, wie wir uns auch im alltag der toten erinnern können, und eine zuschauerin berichtet, dass in bulgarien beispielsweise die namen der toten an die häuser geschrieben werden. ⊂ ⊃ mir fällt eine stelle bei susanna tamaro (in: Geh, wohin dein Herz dich trägt), in der die großmutter ihrer enkelin eine tätigkeit als erinnerung weitergibt und denke selbst an viele handgriffe, die ich im laufe vieler jahre von meinen vorfahrinnen und vorfahren übernommen habe (wie etwa das zupfen von verwelkten walderdbeerblättchen, wie ich es immer beim ömchen gesehen hat): ‹»Weißt du was? Ich bringe dir jetzt etwas bei, was ich kann und du nicht, und wenn ich dann nicht mehr da bin, tust du es und erinnerst dich dabei an mich.« Ich stand auf, und du bist mir um den Hals gefallen. »Also«, habe ich gesagt, um die Rührung zu verscheuchen, die mich schon ansteckte, »was soll ich dir beibringen?« Während du dir die Tränen trocknetest, hast du eine Weile darüber nachgedacht und schließlich gesagt: »Kuchen backen.«› und nicht nur in bestimmten abläufen, auch in unserem körper selbst sammeln sich die erinnerungen an unsere ahnen. susanna tamaro schreibt im selben buch: ‹Im Gesicht ist alles enthalten. Deine Geschichte, dein Vater, deine Mutter, deine Großeltern und die Urgroßeltern, womöglich auch ein entfernter Onkel, an den sich niemand mehr erinnert. Hinter dem Gesicht steht die Persönlichkeit, die guten und die weniger guten Dinge, die du von deinen Vorfahren mitbekommen hast. Das Gesicht ist etwas Ureigenes, etwas, das uns erlaubt, uns im Leben einzurichten und zu sagen: So, hier bin ich.›

* wir sprechen ebenfalls darüber, wie wir den tod selbst mit in unseren alltag integrieren können. der schrat verweist auf den psalm 9o,12 ‹Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.› und erzählt von der übereinkunft mit der mamuschka, nicht im streit (und ohne einander noch einmal in die augen geguckt zu haben) auseinander zu gehen. ⊂ ⊃ in meinen schwarzen heften finde ich dazu noch einmal ein zitat von susanna tamaro (in: Geh, wohin dein Herz dich trägt), die genau dies schreibt: ‹Es entsteht eine plötzliche Leere – die Leere ist immer gleich -, aber gerade in dieser Leere nimmt die Verschiedenheit des Schmerzes Gestatlt an. Alles, was man nicht gesagt hat, materialisiert sich in diesem Raum und dehnt sich aus, dehnt und dehnt sich immer weiter aus. Es ist eine Leere ohne Türen, ohne Fenster, ohne Auswege, das, was dort in der Schwebe bleibt, bleibt für immer so, ist über dir, mit dir, um dich, hüllt dich ein und verwirrt dich wie dichter Nebel. (…) Jetzt kannst du vielleicht verstehen, was ich dir eingangs sagte: Die Toten belasten uns nicht so sehr durch ihre Abwesenheit als vielmehr durch das, was – zwischen uns und ihnen – nicht ausgesprochen wurde.›

* wir fragen uns in dieser kleinen runde, inmitten von alten möbeln, einer schreibmaschine, papierkranichen und im licht der altmodischen lampen, ob und wie wir uns auf unseren eigenen tod vorbereiten können. ⊂ ⊃ christoph schlingensief, dessen bücher hier auf den alten wohnzimmertisch liegen, schreibt (in: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!) dazu:  ‹Und bastele weiter an meinem Bild des Sterbens, weil ich es wichtig finde, dass man sich nicht an Kabeln und Drähten befindet, wenn man die letzten Gedanken denkt. Sondern dass man in ein Bild einsteigen kann, dass man schon früher gebaut hat, das Bild eben, in dem man diese letzten Gedanken denken möchte. Das Bild muss also wachsen, damit man in diesem Bild verschwinden kann.› und direkt daneben steht in meinen schwarzen heften janosch (in: Sacharin im Salat | Sandstrand | Polski Blues), der so viel und so weises darüber geschrieben hat und davon überzeugt ist, dass der Tod eine Tat ist: ‹Wer nicht stirbt, eh‘ er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt. Du mußt den Tod lange übern. Der Tod ist kein Ereignis, sondern eine Tat. Du mußt zum Sterben gehn wie du zum Essen, zum Arbeiten gehst. Anders wirst du es nicht schaffen.› oder: ‹Und er selber, Karl, würde von sich wegschweben, hinaus aus diesem Fenster und in den Abendhimmel hinauf. Erfüllt von allem, was gewesen war und ohne jede Last. Er nahm sich vor, laut zu lachen, wenn er aus der Welt fliegen würde.› ebenso: ‹Der letzte Augenblick des Lebens muß groß und frei sein, denn was sich da ereignet, erlebst du nur einmal im Leben. Du mußt in den Tod GEHEN. Du mußt ihn ein Leben lang üben, damit er dich nicht überfällt.› und im gleichen buch beschreibt er, wie einer der protagonisten freundlich und wunderbar sterbenden menschen hilft: ‹»Als wir in das Dorf kamen, weinten die Verwundeten entsetzlich. Nicht so sehr wegen der Schmerzen, sondern aus Angst vor dem Gericht Gottes, aus Angst, sie seien unwiderruflich und für alle Ewigkeit verloren, wenn sie ohne Priester stürben. Wie viele müssen doch ohne Priester sterben, was ist das für eine Teufelei, den Menschen das Mysterium des Todes zu verderben…?« Staszek rutschte unruhig auf der Bank herum. »Weißt du, wie furchtbar es ist, die letzten Minuten seines Lebens in Furcht zu verbringen? Kann es sein, daß die letzte Stimmung die ist, welche du in die ewigen Jagdgründe mitnimmst, falls es sie gibt, und bist du dann dort in ewiger Furcht« Ich konnte das jedenfalls nicht mit ansehen und so gab ich mich als Priester aus. Zdenek war bei denn Jesuiten und kannte die Zeremonien, er war Ministrant, und ich legte mir ein weißes Tuch über den Ärmel und vergab den Sterbenden ihre Sünden. Salbte sie mit Maschinenöl, das wir für unser Motorrad hatten, und sie starben selig und voller Glück. Damals hatte ich schon begriffen, daß es nicht das Öl ist, worauf es ankommt.«›

 * und nicht zuletzt kommen wir darüber überein, dass unser sterben auch stark davon abhängt, wie wir leben ⊂ ⊃ ein letztes mal janosch (in: Sacharin im Salat): ‹»Wenn ihr nicht seid wie die Vögel, werdet ihr nicht glücklich sein.« Sie sollten einmal über das Leben der Vögel nachdenken, Herr Borowski. Sie werden ausgebrütet, sie müssen sich sozusagen kopfüber fallen lassen, aber sie stürzen nicht ab, sie essen und trinken, wenn es anfällt, nehmen Regen und Sonne an – annehmen, was da kommt, sich nicht dagegen wehren, wenn es nicht zu ändern ist (…) – sie leben mit einer ungeheuren Kraft. Fliegen mit oder gegen den Wind. Haben Sie schon gesehen, wie furchtlos Vögel sind? Wie Sperlinge oder Schwalben einen Bussard angreifen? Einen Leib ohne Eigenwilligkeiten haben, ohne Furcht leben und sterben, wie man gelebt hat, ohne Fiasko. Das ist es, Herr… Haben Sie schon gesehen, wie ein Vogel stirbt? Er geht in ein Loch in einem Baum, er sondert sich ab, er stirbt allein. Wer einen braucht, um sterben zu können, der wird zugrunde gehen, Borowski, denn er wird keinen finden.

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Responses

  1. Du Liebe,
    wie unvor-stellbar uns die Lieben sind, wenn sie aus der Zeit gehen. Für Deinen Vater ist das gestern, heute oder gleich und soeben vorbei. Er ist frei und kann immerzu sein. Auch bei Dir.
    Ich wünsche Dir und Deiner Familie alle Trauer und alle Verbundenheit und Liebe über die Grenze hinaus.
    Und danke für diese wunderbare Sammlung zum endlichen Leben.
    Liebe mitfühlende Grüße von
    Lisa

    • Oh, liebe Lisa, da hast Du (zum Glück) etwas missverstanden. Hier ging es nur um das Theaterstück, welches diesen Titel trug. Der Hauptdarsteller verlor vor vier Jahren seinen Vater durch einen Unfall und hat dies künstlerisch verarbeitet. Gemeinsam mit dem Liebsten, Mamuschka und dem Schrat sowie einer Freundin besuchten wir vergangene Woche die Inszenierung.

      Herzliche Grüße!
      Mirjam

  2. Viele tiefe und weise Gedanken, die du da zusammengestellt hast. Mir sind beim Lesen noch ein paar Zitate eingefallen:

    Zum Punkt Festgelegte Trauerzeit:

    „My Mum died, when I was small, it was a car accident and I don’t really remember it. But, ahem, my dad got shot a couple years later over a gambling debt and I remember that one just fine. A lot of people know what it feels like, do they? Be angry in your bones. I mean, they understand, your foster parents, everybody understands – for a while. But then they want the angry little kid to do something he knows he can’t do: Move on. So after a while they stop understanding. They send the angry kid to a boys home.“

    John Blake in „The Dark Knight Rises“

    Zum Punkt, sich im Alltag an jemanden erinnern:

    „[Theoden:] ‚(…) Live now in blessedness and when you sit in peace with your pipe, think of me (…)‘
    (…) ‚Good‘, said Merry ‚then I’d like supper first and after that a pipe.‘ But that his face clouded. ‚No, not a pipe. I don’t think, I’ll smoke again.‘ ‚Why not?‘, said Pippin. ‚Well‘, answered Merry slowly ‚he [Theoden] is dead. It’s brought it all back to me. Almost the last thing he ever said. I shan’t ever be able to smoke again without thinking of him and that day, Pippin, when he road up to Isengard and was so polite.‘ ‚Smoke then and think of him‘, said Aragorn ‚for he was a gentle heart and a great King that kept his oaths and he rose out of the shadows through a last fair morning. Though your service to him was brief, it should be a memory glad and honourable to the end of your days.‘ “

    Tolkien in „The Return of the King“

    Zum Punkt sich auf den Tod vorbereiten/Angst vor dem Sterben:

    „Die Söhne der Menschen aber sterben wahrhaftig und verlassen die Welt; weshalb sie auch die Gäste oder die Fremden genannt werden. Tod ist ihr Schicksal, die Gabe Ilúvaters, die mit der Ermüdung der Zeit selbst die Mächte ihnen neiden werden. Doch auf den Tod hat Melkor seinen Schatten geworfen, so daß er mit dem Dunkel verwechselt wird und Böses aus Gutem kommt und Furcht aus Hoffen.“

    Tolkien in „Das Silmarillion“

    Liebe Grüße,

    matthew

    • Vielen Dank, Brüderchen, für die schönen und passenden Zitate! Wunderbar.

  3. ach, da ist es ja mal gut, das Mißverständnis…

  4. Die Fotos ind sehr gut gewählt zum Thema. Die leeren Stühle und Kleiderbügel an der Wand, Warteraum zwischen den Zeiten, die Uhr altmodisch, verblieben. Und natürlich die Papierschwalbe auf der Schreibmaschine…
    Stammen die Bilder aus dem Theaterstück oder aus Deinem Fundus?

    • Das sind alles Fotos aus dem Theatervorraum (das Stück war so konzipiert, dass alle Zuschauer|innen in dem Vorraum warteten bis alle da waren, dann die Kopfhörer mitsamt mp3Player erhielten, gleichzeitig auf die Playtaste drückten und dann gemeinsam in den Raum gingen, in dem die Performance während des Eintretens begann).

  5. […] bin ich zu einer spielstätte im prenzlauer berg gefahren. dort habe ich eine freundin und alte bekannte (wieder)getroffen. ich habe einen stein aus der emaileschüssel genommen und bin stufe für stufe, […]


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