Verfasst von: dietauschlade | 22 Februar 2016

von gier. und hoffnung.

hoffnung

Wer die Landschaft, ja seinen Gott zu Markte trägt, wenn er Geld daraus schlagen kann – ich achte seine Arbeit nicht, noch seine Farm, wo alles nur seinen Geldwert hat. Solch ein Mensch trägt sich ja selbst schon für seinen Gott zu Markte. Seine Felder tragen keine Ernte, auf seinen Wiesen blühen keine Blumen, und auf den Bäumen wachsen keine Früchte, sondern Dollars. Er liebt die Schönheit seiner Früchte nicht, uns sie sind ihm nicht reif, bis sie Dollars wurden. Ich gebe jener Armut den Vorzug, die wahren Reichtum schätzt. (H.D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern)

an dem tag, an dem ich auf der brachfläche hinter unserer wohnung die laster und baufahrzeuge entdeckte, wollte ich verzweifeln. knapp fünf jahre lang lauschte ich im frühjahr und herbst fasziniert dem konzert der dort beheimateten frösche. ich erfreute mich im sommer an dem satten grün der wiesen und gräser, dem weiß der zarten birkenstämme, die quer verteilt wuchsen, und dem gelegentlichen anblick von pferden, ziegen und kamelen. nun ist es soweit. erdberge türmen sich auf, matschige reifenspuren durchziehen das gelände und wieder fallen bäume. ein investor hat bestimmt: möbelhäuser und ein riesiges einkaufszentrum sollen es werden.

an dem tag, an dem ich auf der brachfläche hinter unserer wohnung die laster und baufahrzeuge entdeckte, sichtete ich auch erstmals einen zarten trieb [1], der sich aus der kastanie hinaus einen weg ans tageslicht gebahnt hatte. drei stück hatte ich als erinnerung an den pfälzer wald im herbst in die erde gesteckt und viele monate (mit schwindender hoffnung) auf ein erstes grün gewartet.

an dem tag, an dem ich auf der brachfläche hinter unserer wohnung die laster und baufahrzeuge entdeckte, erfreute ich mich an dem fleißigen wuchs der salatpflanzen [2;5], die in einigen wochen bereits mein kleines balkongärtchen zieren und meinen blick von der baustelle ablenken werden.

an dem tag, an dem ich auf der brachfläche hinter unserer wohnung die laster und baufahrzeuge entdeckte, fiel mein blick auch zum ersten mal auf die zarten blättchen [3], die sich an dem einzelnen salbeistängel bildeten, der das dürftige überbleibsel eines gekauften, schnell abgeernteten salbeibuschs war, den ich mehr aus mitleid, denn aus zuversicht in dem großen topf stehen ließ. nun hoffe ich, das nicht nur der spitzen-steckling, sondern auch der verbleibende stengel das frühjahr überstehen und uns im sommer mit ihrem duft und geschmack erfreuen.

an dem tag, an dem ich auf der brachfläche hinter unserer wohnung die laster und baufahrzeuge entdeckte, erblickte ich auch die ersten tomatenkeime, die sich aus der erde reckten. und ich erinnerte mich an die tomatenplanzen der vergangenen jahre, ihre wuchernde pracht, hoffte und freute mich. sie würden im sommer den balkon mit ihrem grün einnehmen, einen natürlichen sichtschutz am gelänger darstellen und meinen blick auf die wahren reichtümer des lebens lenken.

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Responses

  1. Wann nur werden Stadtbrachen endlich unter Naturschutz gestellt?
    Ein guter Text. Es hat mir beim Lesen einen Stich versetzt.
    Wie gut, dass so viel trotzende Energie in all den Keimen und Samen steckt! Und dazu noch Deine Hoffnung- trotz-dem!
    Liebe Grüße, Taija

    • ja, stadtbrachen unter naturschutz. das ist eine fabelhafte idee!
      liebe grüße zurück!

  2. achach….
    wie wunderbar, dass Du Dich dem Wachsen zuwendest. Hoffnung ist eben eine Tugend.
    Lieben Lisagruß!

    • ja, ich versuche mich im einüben derselben. und so ein paar zarte pflänzchen zu beginn des frühlings tragen bei mir so einiges dazu bei!
      herzlichste grüße zurück!

  3. Mich sticht es auch… Stadtbrachen sind so wertvolle biodiverse Räume. Aber eines Tages müssen sie Geld bringen. Und dazu Leute zum Kaufen drängen…, ein so ungesunder Kreislauf. Da tun deine kleinen grünen Triebe so gut.. Lass es blühen, auf dem Balkon und in dir. Lieben Gruß Ghislana

    • ja, und in berlin verschwinden sie mehr und mehr…
      in den knapp fünf jahren, in denen wir hier wohnen gibt es so einige die nicht mehr (oder bereits in bebauung) sind. das macht die große stadt für mich immer unwirtlicher!
      einen lieben gruß zurück an dich ins wunderbare grün :o)

  4. ich bewundere dich, dass du noch guten mutes bist. ich hätte wahrscheinlich sofort die immobilienseiten im internet aufgerufen… mir kommen die tränen, wenn ich daran denke, was dort wieder alles verloren geht. und ja, ich bin dabei: alle brachen unter naturschutz stellen!
    liebe grüße, mano

    • ja, das war auch mein erster impuls – doch momentan ist ein umzug irgendwie nicht dran und so säe ich und hoffe (auch darauf, dass der bau nicht direkt vor unserer nase, sondern etwas weiter verrückt entsteht. momentan türmen sich hier nur erdberge. die kann ich verkraften… und ggfs mit blumensamen bestreuen :o))

  5. […] * die zarten blättchen am eigentlich abgeschnittenen salbeiast entdecken [2]. * das zweite kastanienpflänzchen begrüßen, * die stabilisiernde schlinge an der ersten kastanienwurzel bewundern [4] * und das […]


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