Verfasst von: dietauschlade | 12 Juni 2016

12von12

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Wie kommt Leben zustande? Die Frage hat mich früh beschäftigt. Ist Leben identisch mit der unvermeidlich, doch rätselhaft vergehenden Zeit? Während ich diesen Satz schreibe, vergeht Zeit; gleichzeitig entsteht – und vergeht – ein winziges Stück meines Lebens. So setzt sich Leben aus unzähligen solcher mikroskopischen Zeit-Stücke zusammen? Merkwürdig aber, daß man es nicht ertappen kann. Es entwischt dem beobachtenden Auge, auch der fleißig notierenden Hand und hat sich am Ende – auch am Ende eines Lebensabschnitts – hinter unserem Rücken nach unserem geheimen Bedürfnis zusammengefügt: gehaltvoller, bedeutender, spannungsreicher, sinnvoller, geschichtenträchtiger. Es gibt zu erkennen, daß es mehr ist als die Summe der Augenblicke. Mehr auch als die Summe aller Tage. Irgendwann, unbemerkt von uns, verwandeln diese Alltage sich in gelebte Zeit. In Schicksal, im besten oder schlimmsten Fall. Jedenfalls in einen Lebenslauf. (Christa Wolf: Ein Tag im Jahr.196o-2ooo)

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auch heute wieder zwölf photos vom zwölften tag des monats. der tag beginnt mit einem wolkenverhangenen himmel (der sich auch bis zum abend nicht aufklaren wird) und trotz fehlenden sonnenscheins mit dem notwendigen gießen der fensterbankpflänzchen [1] sowie der pflanzen im balkongärtchen [2]. ich sammle noch ein paar kräuterzutaten für das frühstück [3] und entdecke dabei die erste winzige tomatenkugel [4]. nach dem frühstück radeln der liebste und ich an der panke entlang [6] zum gottesdienst. danach geht es direkt nach hause zurück, wo der liebste aus ein paar mangoldstengeln, der ersten geernteten frühlingszwiebel und einigen kräutern [5] ein buntes rührei zaubert. dazu werden mit butter bestrichene toastscheiben und schwarzer tee [1o] gereicht. die mittagspause währt nur kurz, denn schon bald machen die mamuschka und ich uns auf zum Stadtspaziergang: Christa Wolf (Lebenswege – Lebensorte. Auf den Spuren von Frauen, die Berlin bewegt haben). dieser beginnt praktischerweise im nahgelegenen amalienpark und (nach einer vorstellungsrunde sowie einleitenden worten) mit einem schreibimpuls [7]. unser weg führt uns weiter nach mitte, zum tränenpalast sowie dem einstigen wohnsitz von c. und g.w. in der friedrichstraße. dazwischen gibt es eine pause in der kantine des berliner ensemble, in der neben kaffee und kuchen weitere informationen über und photos aus dem leben von c.w. [11] gereicht werden. der lange, doch sehr inspirierende spaziergang endet am grab von christa wolf [8]. (besonders gefiel mir auf dem fast verwilderten grab die stockrose, die die schriftstellerin so sehr liebte.) das abendessen bringen wir von unterwegs mit und bei den sich anschließenden gesprächen falte ich ein paar sterne [9]. aus irgendeinem grund kommen wir gegen ende des abends auf das thema hochzeit zu sprechen, kramen nach vielen jahren mal wieder unser photoalbum [12] hervor, blättern durch bilder und schwelgen in lustigen erinnerungen (froh über diesen einen tag, doch sehr viel glücklicher über die vielen tage, die sich daran anschlossen und sich zu einem zufriedenen, fidelen eheleben zusammensetzten).

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Responses

  1. Was für ein Tag, der gleich ein paar Leben umfasst. Der Stadtspaziergang auf den Spuren von Christa Wolf war gewiss eine schöne Erfahrung. Immer wieder bewundere ich euer Balkon-Kräuter-Gemüse. Und wie schön, wenn man so von Jahren des Ehelebens sprechen kann. Herzliche Grüße Ghislana

    • Ja, das war ein toller voller Tag!
      (Und über Balkon und vor allem Ehenleben bin ich sehr glücklich und dankbar!)
      Herzliche Grüße zurück!

  2. ein reicher tag war dein 12.!
    den stadtspaziergang würde ich auch gern einmal machen, leider gibt es noch keinen neuen termin. falls du etwas davon hörst, sei so lieb und sag mir bescheid, ich würde mich sehr freuen!
    herzliche grüße, mano

    • ich halte augen und ohren offen und melde mich bei dir sobald ich etwas erfahre! liebste grüße zurück!

  3. … und ich durfte alles -so wie du es trefflich beschriebst-
    miterleben:
    Mit riechen, mit schmecken, mit hören, mit gehen, mit reden und mit schreiben… unterwegs auf dem Stadtspaziergang: Christa Wolf

    Ein besonderer Tag in der Berlin/Brandenburg/ Sachsen Anhaltwoche!
    Ein Geschenk!

    Danke!
    Mamuschka

    • Ja. Wunderbar war die gemeinsame Zeit mit Dir, liebste Mamuschka!!!

  4. […] verschiedensten magentatönen bepflanzt ist, eine ode an christa wolf ist?! ich jedenfalls dachte mal wieder an die ‹pankower […]

  5. […] deren äußeres mich an eine sternenkarte und deren inneres an eine sonne erinnert [9] und die weiterernte des mangolds [1o], der uns in diesem sommer manch leckere mahlzeit beschert hat, zum beispiel […]

  6. […] kochen wollen. auf dem rückweg machen wir eine stillpause unter dem baum, an dem bei meinen vorletzten 12von12 der stadtspaziergang: christa wolf begann, und dann kaufe ich ein knäuel wolle (aus denen ein paar […]


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