Verfasst von: dietauschlade | 19 Juli 2016

BREAK.

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BREAK ist eine Ausstellung, eine Lesung, ein Magazin. Du besuchst heute die Ausstellung. Im Zentrum stehen Menschen aus Syrien und ähnlich im Alter, Geschlecht und Beruf Menschen aus Deutschland. Alle wurden mit Polaroids, Sounds und einem Logbuch gefragt: Was bedeutet Alltag vor und im Krieg in Syrien und Alltag hier in Deutschland? […] Nimm jetzt einen Stein aus der Emaileschale. Das ist dein Stein für eine gewisse Zeit deines Weges. Du wirst ihn bis nach oben in die vierte Etage zu BREAK tragen und ihn in das Gefäß, wo sich der Baum der Lebens befindet, ablegen. Keine Angst! Du wirst den Baum des Lebens erkennen. Achte auf dein Gehen Achte auf deine Atmung Gehe drei Schritte, atme ein. Gehe drei Schritte, atme aus. Tue dies langsam und kontinuierlich bis zu zum Baum des Lebens kommst. Wir wünschen Dir alles Gute auf deinem Weg, [RodewaldFoest Produktion: Begleitblatt zur Ausstellung]

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vorletzten sonntag bin ich zu einer spielstätte im prenzlauer berg gefahren. dort habe ich eine freundin und alte bekannte (wieder)getroffen. ich habe einen stein aus der emaileschüssel genommen und bin stufe für stufe, ein- und ausatmend, durch das alte treppenhaus bis in den vierten stock zu dem sonnendurchfluteten raum gelaufen. alle fenster waren geöffnet. ein leichter wind verfing sich in einem klangspiel. ich habe den baum des lebens gefunden und meinen stein abgelegt. an den wänden im rechten teil des raumes hingen polaroid von acht menschen. vier aus syrien, vier aus deutschland. auf regalbrettern neben den photos standen bögen aus dickem papier. darauf die geschichten der menschen. ich habe diese eingesammelt. im linken teil des raumes schwebten luftballons an der decke. an jedem ein faden und daran ein polaroid. kaffeetasse, moped, polizeiauto, haus mit himmel, briefkasten, baum mit sonne, katze, gulli, innenhof. ich bin von bild zu bild gelaufen. auf den bögen mit den geschichten habe ich gedanken, assoziationen, erinnerungen der acht menschen zu den motiven gelesen. ich habe mich auf das rote sofa gesetzt. ich habe einen  heißen, süßen schwarzen tee getrunken und die lebensgeschichten der acht menschen gelesen. erinnerungen an ihre kindheit, an ihre heimat, an klänge, an stille, an wege, an menschen. bei der begrünten wand habe ich mich auf den alten baumstamm gesetzt. ich habe nacheinander drei geräuschkulissen angehört und habe die gedanken, assoziationen und erinnerungen der acht menschen zu den klängen gelesen. noch einmal bin ich zu den polaroids der acht menschen gegangen. ich habe sie anders betrachtet, nachdem ich ihre gedanken, assoziationen, erinnerungen und lebensgeschichten kennengelernt habe. auf dem weg durch das treppenhaus nach unten, habe ich über all die menschen in unserer großen stadt nachgedacht. menschen, die hier wohnen. menschen, die hier rasten. menschen, die hier bleiben.

Tout homme a le droit de vivre, nous rappelait Jean-Paul II, au  camp de Phanat Nikkom, en 1988, devant des milliers de réfugiés cambodgiens, vietnamiens, laotiens, etc. Et s’il ne peut pas vivre chez lui, pour des raisons diverses, il a le droit de vivre ailleurs. Et cet ailleurs «a le devoir de le recevoir». (Père Ceyrac: Mes racines sont dans le ciel)

menschen, die diese stadt mit all ihren geschichten bereichern.

[…] unimaginable how many small  stories people all over this city carried around with them.
(Teju Cole: Open City)

geschichten, die diesen raum über jahrzehnte füllten.

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Responses

  1. Wie schön.
    Und wie Sinn(e)-voll.
    Anrührend.
    Selbst wenn ich nicht dabei war.
    Die vielen Geschichten, Gesichter, Begegnungen und Seiten sind es, die mich in der Stadt halten. Es erfüllt meine Tage mit Wert, zu wissen umgeben zu sein, von alledem.Im umfassenden Sinne.
    Das rote Sofa ist unglaublich schick ;-).
    Liebe Grüße auch ans Bäuchlein, Taija

    • Ja, tatsächlich verbinde ich diese ganzen Geschichten & Gesichter auch sehr mit dem Leben in der Stadt!
      Liebe Grüße zurück!

  2. Ich finde, dir ist es wieder gelungen, die Ausstellung in Wort und Bild eindrucksvoll zu dokumentieren…

    …Achtsam atme ich ein und aus. Eigene Bilder, Fragen, Gerüche und Geräusche steigen auf. Ich lasse sie aufsteigen, wie die gelben Ballons.

    Vielen Dank für’s Mit-teilen!

    Liebe Grüße aus der Heimat
    Mamuschka

  3. deine schilderung lässt mich die ausstellung / den ort mit allen sinnen wahrnehmen. schade, nur an einem wochenende zu sehen?
    liebe grüße, mano

  4. Sehr anrührend, zu lesen und zu schauen.
    Die räume wirken so offen. Freundlich.
    Jedes Leben eine ganze Welt. Wie behutsam müsste mit jedem einzelnen umgegangen werden….

    Was lese ich oben über ein Bäuchlein..?

    Lieben Lisagruß!

    • Ja, genau das war dieser zweigeteilte Raum: offen.
      (Sowohl in Form als auch Inhalt!)
      Und der Begriff ‚behutsam‘ bringt es auf den Punkt!

      Herzliche Grüße zurück!

      PS Das Bäuchlein (das diese Verniedlichung gar nicht mehr verdient ;o)) versteckte sich mal in diesem Beitrag.

      • Hurraaaa! Ich Unaufmerksame…. Frohes Wachsen!
        Und lieben Lisagruß!

    • das war aber auch – bewusst – etwas versteckt platziert :o)
      danke!


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