Verfasst von: dietauschlade | 14 März 2017

12von12

Es war noch früh, als ich aufstand. Sonntags fühlten sich die Morgen anders an, man merkte es gleich. Die Luft hatte eine andere Beschaffenheit, sie war schwerer, und alles erschien dadurch ein wenig verzögert. Selbst vertraute Geräusche klangen anders. Gedämpfter und zugleich eindringlicher. Sicher lag das am fehlenden Autolärm, vielleicht auch am fehlenden Kohlenmonoxid in der Luft. Vielleicht lag es auch nur daran, dass man sonntags auf Lüfte und Leute achtete, worauf man alltags nicht eine Sekunde seiner Zeit vergeudete. Aber das glaubte ich eigentlich nicht, denn selbst in den Ferien fühlten sich die Sonntage so an. (Katharina Hagena: der Geschmack von Apfelkernen)

auch in diesem monat kommen die 12 photos vom 12ten tag des monats mit etwas verspätung (aber von herzen). der tag beginnt sehr früh dank eines (nach dem notwendig gewordenen wickeln) putzmunteren kindes; doch das hereinfließende licht der aufgehenden sonne [5] und das vogelkonzert, das mir beim lüften entgegen weht, versöhnen mich mit dieser ungewohnten uhrzeit. nachdem wir beide angezogen sind, gibt es wasser für meine setzlinge [9], einen kaffee für mich und ein bananenbrot [7] für den augustjungen. gerne hätte ich mich dann wie gewohnt an meine schwarzen hefte gesetzt, doch stattdessen ärgere ich mich mit meinem tragbaren telefon herum, das sich weigert neue photos aufzunehmen, da die speicherkarte voll ist. als das problem behoben ist, gucken wir (zum ersten von vielen malen an diesem tag) das derzeitige lieblingsbuch an [1]. da der augustjunge irgendwann müde wird, beschließe ich, schon etwas früher als geplant zum gottesdienst aufzubrechen. ich nehme ihn ins tuch und spaziere gemütlich durch das sonntagsruhige pankow, lausche dem zwitschern der vögel (einen eichelhäher habe ich inmitten der vogelschar entdeckt), erfreue mich an den ersten grünen tupfen im gebüsch [11] und steige irgendwann in den bus gen wedding. an der gemeinde befreie ich (wie an jedem fastensonntag) die schnecke im schaukasten von einem weiteren überflüssigen gepäckstück [1o]. dem gottesdienst folge ich teils im gottesdienst- teils im krabbelraum [12]. als wir nach hause kommen, gibt es für den augustjungen gedämpftes wurzelgemüse (welches der liebste vorgekocht hatte) [2] und für mich anschließend die reste (in der pfanne mit einem spiegelei gebraten). danach räume ich die küche auf und gehe immer mal wieder ins wohnzimmer um vorzulesen [1], um das unter sesseln, tischen oder stühlen eingeklemmte kind zu befreien oder um ein wenig mit ihm zu ‹konversieren›. da wir beide irgendwann ziemlich müde sind, machen wir es uns auf dem sofa bequem [4] und schlafen so lange, bis der liebste von seinem konferenzwochenende zurückkommt. wir trinken einen kaffee [3] und dann bereite ich eine mangold-steckrüben-karotten-quiche [8] vor. da genügeng teig übrig bleibt und ich am sonnabend zufälligerweise noch ein paar zitrusfrüchte gekauft hatte, schiebe ich anschließend noch eine limetten-zitronen-tarte [6] in den ofen, mit der wir den langen tag ausklingen lassen.

Verfasst von: dietauschlade | 11 März 2017

nebenbei berlin [2o9]

…eine apotheke entsorgt und mir fallen drei zitate ein:

Heute setzt sich ein neuer Typ des Fachmannes für angewandte Medizinwissenschaft durch: er befaßt sich zunehmend eher mit Fällen als mit Personen; er befaßt sich mit den Störungen eines Falls, nicht mit den Beschwerden des einzelnen Menschen; er wahrt eher die Interessen der Gesellschaft als die des Individuums. (Ivan Illich: ‹Schöpferische Arbeitslosigkeit oder Die Grenzen der Vermarktung› in: Fortschrittsmythen)

Klar: Diagnose, Prognose, Therapie, es wird beinhart aufgeklärt, aber wirklich miteinander gesprochen wird nicht. Dabei könnte man allein dadurch helfen, dass man mit den Menschen spricht, zu Gedanken animiert oder nach Ängsten und Wünschen fragt. Dann wäre der Kranke wieder am Prozess beteiligt, dann wäre er aus dieser Statik befreit, die einem die Krankheit aufzwingen versucht. (Christoph Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein.)

[A]uf der [Intensivstation weiß man nichts] von den Einsichten der neueren Medizin, von der heilenden Kraft der Gedanken, die man in dem Kranken wecken müßte, und wo gerade das fehlt, was der Heilende dem Leidenden entgegenbringen müßte: Einfühlung, Ehrfurcht. (Christa Wolf: Rede, daß ich dich sehe.)

 

Verfasst von: dietauschlade | 10 März 2017

frühlingserwachen.


Das Schöne am Frühling ist, dass er immer dann kommt, wenn man ihn am dringendsten braucht.
(Jean Paul)

ich weiß nicht, ob es die wärmeren temperaturen der letzten woche waren, das dringende bedürfnis nach frühling oder ob der liebste an dem morgen ebenfalls die biene vor dem fenster gesehen und beschlossen hatte, diesen tag zu feiern. auf jeden fall war es eine fabelhafte idee von ihm, kaffee zu kochen und in die thermoskanne zu füllen, honigbrote zu schmieren, den augustjungen warm einzupacken, den kinderwagen mal wieder rauszukramen und ein kleines picknick im park zu veranstalten. während einer selig schlummerte, genossen zwei kaffee und kuchen, lauschten den vögeln beim zwitschern und einem specht bei seinem höhlenbau, redeten über gott und die welt, beobachteten parkbesucher und flugzeuge und entdeckten auf dem rückweg eine ameisenstraße.

Verfasst von: dietauschlade | 28 Februar 2017

februarFreuden

februarfreuden_beige

Ich möchte so gern mit allen Monaten befreundet sein. Das gelingt mir auch fast.
Nur dieser eine, der Februar, treibt mich jedes Mal beinahe zur Verzweiflung.
(Doris Bewernitz: Wo die Seele aufblüht. Warum ein Garten glücklich macht.)

februarfreuden_blau

diese gedanken über den zweiten monat des jahres kann ich so gut nachvollziehen. dennoch haben sich ein paar bunte freuden (zwar nicht chronologisch doch photographisch geordnet) in den grauen februar gemischt. die letzte puddingschnecke, die ich in dem kleinen lädchen um die ecke ergattern kann und die dann auch noch in der letzten tüte des bündels landet. die lustige geburtstagsfeier, zu der wir zu dritt einmal quer durch die stadt fahren und auf dem rückweg lustige kritzeleien an bauwänden entdecken. der besuch des dichterbruders, mit dem wir mit pancakes und den ein oder anderen spieleabend genießen. der liebste, der wäscheberge sortiert und dabei fröhlich vom augustjungen beobachtet wird. die vielen papierstreifen, die allesamt zu sternen wurden und nun plötzlich ein großes, leeres glas zurücklassen. der augustjunge, der immer öfter außerhalb seiner decke anzutreffen ist und fleißig durch die wohnung kullert. die interessante ausstellung [7;9], die ich mit der gar nicht mehr so unbekannten nachbarin besuche. die vielen morgende, an denen ich meine schwarzen hefte füllen kann (und der augustjunge sich mit seinem beschäftigt). die ersten milden tage, die wir auf dem balkon verbringen können; s-bahnen beobachtend und dem frühlingszwitschern der vögel lauschend. die ersten krokusse am straßenrand. der leuchtend grüne baum auf dem spaziergang in der sonne. die ersten schneeglöckchen in den schrebergärtchen. das spontane eis im park. und das neu erworbene keimgerät, welches uns bereits im februar einen ersten geschmack auf den frühling bescherte.

februarfreuden_gruen

Verfasst von: dietauschlade | 17 Februar 2017

nebenbei berlin [2o8]

 

ferkelchen

mein reizender blog- und pankownachbar, herr ackerbau, veranstaltet heute ein berlin-quiz. da ich letzthin überlegte, worum es sich wohl bei obigem objekt handelt, steuere ich einfach eine frage bei.

ist das…
a) ein einzementiertes ferkelchen?
b) eine steckdose für elektrofahrräder?
c) ein wegweiser zum nächsten kirschbaum?
d) ein halter für geburtstagskerzen? (herzlichen glückwunsch, lieber andreas!)

Verfasst von: dietauschlade | 15 Februar 2017

12von12

022017_blaugrau

[…] das Bedürfnis nach autonomem Handeln wird ignoriert,
während die Bedürfnisse nach Waren, die man besitzen kann, vervielfacht werden.
(Ivan Illich: Fortschrittsmythen)

022017_rot

welch wunderbare erfindung, solch ein sonntag. ohne waren. mit viel zeit. wenn auch dieses mal nicht genug, um direkt die 12 photos des 12ten tag des monats zu bündeln und zu veröffentlichen. nun aber. bereits des nachts begann ich – träumend – mit den zwölf photos. eines der traumbilder [5] stellte ich morgens nach. beim aufwachen begrüßten mich zwei kleine füße [1], die ihren weg aus dem schlafanzug gefunden hatten. nachdem der liebste den augustjungen gewickelt und angezogen hatte, legte er sich nochmal hin und ich schrieb bei der ersten tasse kaffee [9] obiges zitat in die schwarzen hefte. danach bereitete ich das frühstück. käse- und marmeladebrote für mich sowie brotkanten und bananenschnittchen für das söhnchen [1o]. dazu tee und wasser. und dann gingen die aktivitäten des tages in meiner erinnerung ineinander über: spülmaschine ein- und ausräumen [8]. ein paar kleidungsstücke flicken [2]. einen kleinen marmorkuchen backen [6] und danach eine siesta auf dem sofa machen[3]. bücher angucken [12] und sterne falten [11]. dem liebsten zuhören, der uns das fliegende klassenzimmer vorliest [7] und als abschluss des tages den passenden film schauen [4].

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Verfasst von: dietauschlade | 1 Februar 2017

nebenbei berlin [2o7]

vogelhaus

Die Geschichten offenbarten allesamt, daß die Welt aus Menschen besteht,
die wie Vögel in einem strengen Winter auf die eine oder andere Weise gefüttert werden müssen.
Manche waren Krähen. Manche waren Finken.
(John Berger: Mann und Frau, unter einem Pflaumenbaum stehend)

Verfasst von: dietauschlade | 28 Januar 2017

januarFreuden

januarfreuden_hellbraun

Wer nicht sammelt, kann nicht leben.
(Titel eines Farbtiefdruckes von Tina Flau)

im ersten monat des jahres habe ich trotzdem viele kleine freuden gesammelt: die wunderbare ausstellung Im Kleinen und Ganzen. Miniaturen der Gegenwartskunst, die ich mit der unbekannten nachbarin in der galerie um die ecke besucht habe [1;5]; der besuch in der schule mit den vielen freudestrahlenden kindern, die den augustjungen bestaunt und vorsichtig gestreichelt haben [2]; das bleistiftspitzen, das mit dem anspitzer, den mir der liebste zu weihnachten schenkte, doppelt freude macht [3]; die selbstgemachten schupfnudeln [4]; der spaziergang zu dritt im park mit wärmender mütze (danke, angela!), anregenden gesprächen und der ein oder anderen entensichtung [6;1o]; der erste schnee auf dem balkon [7]; der verlorene schuh des augustjungen, den jemand geschützt in einem mäuerchen zum wiederfinden deponierte [8]; der wärmende besuch im café rosenrot mit der pankowfreundin und dem großen kleinen nachbarsjungen während es dicke flocken schneite [9].

januarfreuden_schneebraungrau

Verfasst von: dietauschlade | 22 Januar 2017

Tag der urbanen Schönheit.

tagderurbanenschoenheitbruecken

Bei Ihnen lernte ich, daß man äußerst skeptisch sein kann »gegenüber den menschlichen Verhältnissen«, wie ja auch Ihr Lehrer Sigmund Freud es war, und doch nicht griesgrämig werden muss: heiter, freundlich, souverän das Leben genießen, von sich selbst und den Mitstreitern [und Mitstreiterinnen; m.f.] eine moralische Anstrengung verlangen, ohne sich zu verkrampfen, erkennen, wie viel von dieser Anstrengung scheinbar erfolglos bleibt, und doch nicht bitter werden, sondern der Aufklärung verpflichtet bleiben. Einen »moralischen Anarchisten« haben Sie sich gelegentlich genannt, einen fröhlichen Anarchisten würde ich Sie nennen. (Christa Wolf an Paul Parin in: Rede, daß ich dich sehe)

nach ausführlichen berechnungen, rief herr ackerbau heute erneut zum tag der urbanen schönheit auf. während es bei dem ersten um das motto menschen, die auf schienen starren ging, sollten die teilnehmenden dieses mal brücken unter die lupe nehmen (bzw. vor die linse bekommen). meine beitragsbrücke* befindet sich am sBahnhof wedding und die aufforderung, die sie seit ein paar jahren ziert, scheint mir in anbetracht der politischen großwetterlage außerordentlich passend – doch bitte gerne in verbindung mit dem zitat christa wolfs zu paul parin, dessen wahlspruch »Inseln von Vernunft in einer irrsinnig selbstgefährdeten Welt schaffen« ja irgendwie auch etwas mit brücken zu tun hat…

* welche ich (jedoch von der anderen seite) bereits für den ersten tag der urbanen schönheit photographierte – was ich allerdings erst beim verfassen dieses beitrags bemerkte.

Verfasst von: dietauschlade | 12 Januar 2017

12von12

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Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit?
Du wohnst in den Wolken, dein Weg ist so weit.

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im gegensatz zu gestern konnte ich heute leider kein schneetreibe beobachten beobachten. dennoch habe ich am 12. des monats 12 (und ein paar mehr) dinge gemacht. dieses mal nicht in chronologischer sondern nach photographischer reihenfolge:

1) ich habe des öfteren den augustjungen gestillt. danach (und auch sonst sehr gerne) betrachtet er das bücherregal über meine schulter hinweg.
2) die dritte strophe des winterliedes bekomme ich nicht mehr ganz auf die reihe. ich schlage sie schnell in meinem alten kinderliederbuch nach.
3) beim wickeln brabbelt und erzählt der augustjunge begeistert. besonders wenn er das wunderbare mobile von taija sieht.
4) nachmittags mache ich ein ausgedehntes schläfchen auf dem sofa.
5) ich packe die schublade auf, die gitta mir zugesandt hat. danke!
6) nach mehreren wochen kann ich heute endlich ein kleines nähprojekt fertigstellen.
7) ich beobachte den augustjungen, der (wenn er nicht gerade fleißig durch die gegend rollt) den holzelefanten erkundet, den ihm der schrat zu weihnachten ausgesägt hat.
8) ich trinke einen kaffee und fülle (zitat für zitat) meine schwarzen hefte.
9) nach dem essen falte ich noch ein paar sterne. papierstreifen habe ich mehr als genug.
1o) nach dem aufwachen lese ich dem augustjungen, wie fast jeden morgen, das gedicht der woche vor.
11) bei tageslicht nehme ich noch ein photo auf, für das es gestern abend zu dunkel war.
12) während der liebste kocht, räume ich die küche auf und spüle ein paar sachen, die nicht in die spülmaschine kommen.

012017_rot

Verfasst von: dietauschlade | 8 Januar 2017

Stunde der Wintervögel

stunde-der-wintervoegel

Sie hatte mit Spatzen, Buchfinken, Meisen, Amseln, Staren usw. Freundschaft geschlossen. Die Vögel bekamen Futter, ganz ihrem Geschmack entsprechend: die kleinen Meisen Fett- und Speckstückchen, auch Nüsse, die zu jener Zeit knapp und teuer waren, sodaß ich nicht allzuviel beschaffen konnte. Starenkästen ließ sie von Klara Zetkin senden, kurz, sie tat alles, den Tierchen Liebes zu erweisen, wie es ihre Art war. Strahlend erzählte sie dem Staatsanwalt von den vielen Besuchern, die ohne seine Erlaubnis zu ihr kämen.
(Mathilde Jacobs in: Rosa Luxemburg im Gefängnis)

wenn ich wie heute (mit dem dick eingemummelten augustjungen im tuch) vögel beobachte und zähle (4 kohlmeisen, 17 haussperlinge, 3 amseln, 3 ringeltauben, 2 nebelkrähen, 1 turmfalke), denke ich immer an rosa luxemburg und schicke ihr in gedanken ein zizi bä. (im mai waren es übrigens diese.)

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